Hätte man pro Lob des TV-Kommentators Marcel Reif für Xabi Alonso einen Schnaps getrunken, der Abend wäre im Exzess geendet. Alonso wunderbar, Alonso überstark: Alonso, der Gott der kleinen Dinge. Reif lobte den Spanier beim Spiel der Bayern gegen Gladbach so ausdauernd und häufig, dass es als Zuschauer immer peinlicher wurde

Und Reif ist nicht der einzige. Alle lieben Xabi. Für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung ist er der "Liebling der Liga", der die schwere Aufgabe im Mittelfeld "mit der Gelassenheit eines Zen-Meisters" beherrscht. Der Kicker erklärt das "Phänomen Alonso". Und selbst Dortmunds Trainer Jürgen Klopp sah in den ersten 20 Minuten von Alonso im Bayern-Dress eine "Offenbarung", als Alonso fast direkt vom Flieger aus Madrid aufs Feld kam.

Ende August stieß er zum FC Bayern und wurde sofort die Schaltzentrale im Mittelfeld. Er spielt nicht schnell, dafür elegant, ist immer da und passte sich zu neuen Rekorden. In einem Spiel hatte er mehr als 200 Ballkontakte.

Doch ist Xabi Alonso wirklich so gut? Die Autoren des Taktik-Blogs Spielverlagerung analysieren, wie sich Spieler verhalten und die Taktik der Trainer umsetzen. Rene Maric ist einer der Experten, er beobachtet den Spanier schon länger und sagt: "Xabi Alonso wird etwas überschätzt."

Alonso sei nicht in jeder Situation der Stratege oder Regisseur, als der er gesehen wird. "Wenn ein Gegner ihn gut unter Druck setzt, wird er Probleme bekommen", sagt Maric.

Offensichtlich wurde das bei der WM. In der Vorrunde überrollten die Chilenen die Spanier mit ihrem Vollgas-Pressing. Die Spanier hatte keine Zeit, Entscheidungen zu treffen. Das mag Xabi Alonso überhaupt nicht. Vor dem 0:1 wurde er von zwei Chilenen so sehr unter Druck gesetzt, dass er den Ball verlor. Er vergab noch zwei Torchancen und wurde zur Halbzeit ausgewechselt. Spanien schied aus, Alonso trat aus der Nationalmannschaft zurück. Das ist fünf Monate her.

Die Gegner lassen ihn spielen

Alonso ist stark, wenn sein Team das Spiel kontrolliert, wenn der Gegner ihm Raum und Zeit für einen schlauen Spielaufbau lässt. So wie gegen Köln, Bremen, Rom oder in der ersten Halbzeit gegen Gladbach. Dann kann sich Alonso ohne Risiko in seinem Raum bewegen. Der "Gott der kleinen Dinge"  ist auch der Gott der einfachen Dinge. Und die sind vor allem eins: einfach. 

Doch Tempofußball liegt Alonso nicht. Gegen Teams wie das des Leverkusener Trainers Roger Schmidt, die den Gegner über den ganzen Platz jagen und wie ein Rudel den Raum um einzelne Spieler verengen, wird sich der Spanier schwertun. "Wenn wir das Spiel nicht kontrollieren, wenn Alonso ständig vor und zurück muss, ist er in einem Monat tot", sagte selbst sein Trainer Pep Guardiola im September. In Ansätzen zeigte sich das in der zweiten Hälfte gegen Gladbach, als das Spiel plötzlich offen und wild wurde, und Alonso deutlich weniger Ballkontakte hatte als in der ersten Hälfte.