Als der Chef der Ethik-Spruchkammer, der Münchner Richter Hans-Joachim Eckert, am Donnerstagmorgen sein Urteil veröffentlichte, schien alles wie immer bei der Fifa. Erst wird unter viel Getöse so getan, als würde ermittelt, reformiert, aufgeräumt. Und am Ende werden alle freigesprochen. War was? Weitermachen.

Doch diesmal könnte es für die Fifa anders kommen. Da beschwert sich plötzlich einer: Michael Garcia, der Chef der Ethik-Untersuchungskammer, der Mann fürs Grobe, der mit Eckert zusammenarbeiten sollte. Er hat für die Fifa die WM-Vergaben an Russland und Katar auf 350 Seiten und mit 200.000 Dokumenten untersucht und sieht seine Arbeit nun gefährdet. Eckerts Bericht enthalte "viele unvollständige und falsche Darstellungen und Schlüsse", sagt der amerikanische Staatsanwalt. Das ist hart. Der Kerl meint es ernst. Damit konnte die arme Fifa nicht rechnen.

Jetzt haben wir Dallas bei der Fifa. Und alle dürfen zuschauen. Das war so nicht abgemacht, Herr Staatsanwalt!

Abgemacht, zumindest erhofft, war eigentlich, dass sich in der Familie alle einig sind. Auch wenn alle Welt weiß, wie es in ihr zugeht. Das kann man an dem weltweiten Hohn erkennen, der auf Eckerts Urteil (pdf) folgte. Der kanadische Reporter Declan Hill fragte: "Gibt es auch nur ein einziges Wesen, das dem Urteil der Fifa traut?" Nur ein Tweet unter Tausenden. Transparency International spricht von einer "Kommunikationskatastrophe".

Es sind zwei verschiedene Typen, die beim Showdown aufeinandertreffen. Auf der einen Seite steht Garcia, der unabhängige Mafiajäger, der Cowboy. Er hat sich in die Materie jahrelang eingearbeitet, die kriminelle Welt des Fußballs kennengelernt. Garcia soll nach Informationen der Zeitung Die Welt den Präsidenten Sepp Blatter in seinem Bericht scharf kritisiert haben.

Von Russland bekam er zu hören, die Computer des WM-Organisationsteams seien nur geliehen gewesen und stünden für Nachforschungen nicht mehr zur Verfügung. Russland hat die Zusammenarbeit mit Garcia verweigert, ihn nicht mal einreisen lassen. Das will der Amerikaner nicht mit sich machen lassen, er hat einen Ruf als harter Hund zu verlieren.

Die Russen kommen bei Eckert mit billigem Trick durch

Auf der anderen Seite steht Eckert, der Paragraphenreiter, die graue Maus. Wie naiv und wohlwollend er denkt, weiß man aus der Vergangenheit. Vor wenigen Jahren wurde bekannt, dass der Fifa-Chef Sepp Blatter, als er noch zweiter Mann in der Fifa war, von Bestechungsgeld an den damaligen Fifa-Boss Havelange wusste. Er leitete die Millionen einfach weiter und schwieg. Ein ungeheuerlicher Vorgang, Blatter hätte zurücktreten müssen. Eckert nannte Blatter "ungeschickt". Die Fachwelt reagierte fassungslos.

Sportpolitisch ist der Strafrichter Eckert unbeleckt, ein paar Nümmerchen zu klein. Kein Wort von ihm auch dazu, dass Blatter alles dafür tat, die wahren Ausmaße des großen ISL-Schmiergeldskandals zu vertuschen. Die ehemalige Sportrechteagentur zahlte über die Jahre mindestens 100 Millionen Euro, unter anderem an Fifa-Mitglieder. Blatter zahlte lieber bei einem Deal Millionen an ein Schweizer Gericht, um weitere Aufklärung zu verhindern.

In seinem Bericht über die WM-Vergaben an Russland und Katar schreibt der deutsche Blatter-Versteher: "Insbesondere waren die Auswirkungen auf das Bieterverfahren als Ganzes weit davon entfernt, jede Schwelle, die eine Rückkehr ins Bieterverfahren, geschweige denn Neuausschreibung erfordern würde, zu überschreiten." Sprich: Russland und Katar seien zu Recht an die WM gekommen, die Fifa sei frei von Korruption. Eckerts Bericht liest sich wie von der Fifa bestellt. Bei ihm kamen die Russen mit dem billigen Computertrick durch und die Engländer, Blatters größte Kritiker, die bei der WM grandios gescheitert waren, sind nun die Bösen.