ZEIT ONLINE: Herr Calmund, wie haben Sie den Mauersturz erlebt?



Calmund: Aufgewühlt vor dem Fernseher. Ich zähle diesen Tag zu meinem wichtigsten Fernsehereignis, noch vor der Mondlandung, dem 11. September und allen Fußballweltmeisterschaften. In diesen Tagen hatte ich viereckige Augen.

ZEIT ONLINE: Sie fuhren am Wochenende danach zum Bundesligaspiel Hertha gegen Wattenscheid.



Calmund: Das Olympiastadion und die Straßen in Berlin waren voll mit Ostdeutschen. Den ganzen Abend redete ich mit Menschen, insbesondere mit jüngeren, über deren Hoffnungen und Ziele. Ich kam leicht mit ihnen ins Gespräch, man erkannte mich als Bundesligamanager auch im Osten. Ein paar von ihnen zahlte ich die Übernachtung im Hotel, beim Frühstück redeten wir weiter. Eine glückliche Zeit. Um Fußball ging es gar nicht.

ZEIT ONLINE: Bald aber schon. Sie nahmen die besten DDR-Fußballer ins Visier.


Calmund: Wir wussten, was wir taten. Andreas Thom von Dynamo Berlin war DDR-Fußballer des Jahres 1989. Matthias Sammer und Ulf Kirsten kannten wir als Auswahlspieler und Dynamo Dresden hatte ja ein halbes Jahr zuvor gegen den VfB Stuttgart im Uefa-Cup Halbfinale gespielt.

ZEIT ONLINE: Für das WM-Quali-Spiel der DDR in Wien am 15. November akkreditierten sie Wolfgang Karnath, Jugendbetreuer und Chemielaborant bei Bayer, als Fotografen. Noch während des Spiels saß er, mit Kamera und Leibchen, auf der Ersatzbank neben dem ausgewechselten Sammer.

Calmund: Wolfgang war ein cleveres Kerlchen, der Richtige für diesen Job. Du gingst vor ihm in die Drehtür, und er kam beim Ausgang vor dir raus. Wir brauchten Kontakte, Adressen und Termine. Während unser Chef-Scout wie viele andere Vereinsvertreter das Spiel von der Tribüne aus verfolgte, nutzte Karnath die Nähe zu den Spielern im Innenraum.

ZEIT ONLINE: Die DDR verlor und verpasste dadurch die WM-Qualifikation. Hatten Sie kein schlechtes Gewissen?

Calmund: Nein. Dass die Mannschaft der DDR etwas von der Rolle war, lag an den historischen Ereignissen. Wir haben die Spieler erst nach dem Match angesprochen, auch die dreiste Aktion von Wolfgang Karnath fand erst nach Sammers Auswechslung statt.

ZEIT ONLINE: Einen Tag danach standen sie bei der Familie Thom in Berlin-Mitte vor der Tür.

Calmund: Karnath hatte erstklassig gearbeitet. Er hatte den Termin mit Andreas Thom vereinbart und die Adresse besorgt. Es gab einen Code mit Hausnummer, Etagennummer und Wohnungsnummer.

ZEIT ONLINE: Wie roch es in Ostberlin?

Calmund: Nach Bohnerwachs und Desinfektionsmittel. Ich kannte die DDR schon. Ich war zuvor oft in Ostberlin und auf Verwandtenbesuch in Thüringen, wo meine Mutter geboren ist.

ZEIT ONLINE: Wie verhandelten Sie?

Calmund: Offen und fair, nicht großspurig von oben herab. Ich stand nicht nur mit Pralinen, Parfüm und Kinderspielzeug in der Tür, sondern mit einem sportlichen und finanziellen Angebot. Ich fragte Andy: "Kannst Du Dir vorstellen, für Bayer zu spielen?" Wir wussten natürlich auch: Die Tapeten hatten große Ohren. Wir haben also unser Vorgehen gleichzeitig Andreas Thom live und indirekt auch den DDR-Funktionären erläutert. Nicht der BFC Dynamo war der Ansprechpartner, sondern der Deutsche Turn- und Sportbund sowie der Fußballverband DFV. Nachdem Andy bejaht hatte, rief ich meine Sekretärin an. Die holte das Telexgerät aus dem Keller und entstaubte es, Faxgeräte gab es im Osten nicht. Tags drauf trafen wir uns mit dem DFV-Chef Wolfgang Spitzner und einer Delegation. Alles lief offiziell.

ZEIT ONLINE: Sie waren schnell. In drei Tagen hatten Sie Thom, Kirsten und Sammer unter Vertrag.

Calmund: Die drei, die wir wollten. Mit Prämien sollten sie jeweils etwa 400.000 bis 450.000 Mark im Jahr verdienen, damals sehr viel Geld. Für Thom zahlten wir direkt 2,2 Millionen, zwei Jahre später noch einmal 1 Million Mark – die bis dahin mit Abstand höchste Ablöse Leverkusens. Diese Generation hatte, finanziell gesehen, übrigens doppeltes Glück. 1989 fiel ja nicht nur die Mauer. Auch die Fernsehlandschaft hatte sich ja verändert. Nix mehr "Guten Abend allerseits"…

ZEIT ONLINE: …Sie meinen die Sportschau.

Calmund: Genau, RTL löste damals die gute alte ARD-Sportschau ab. Statt drei Kameras standen plötzlich über zwanzig am Spielfeld. Statt 18 Millionen bekam die Bundesliga nun 135 Millionen Mark Fernsehgelder, wovon in erster Linie die Spieler profitierten.

ZEIT ONLINE: Die meisten Ostdeutschen hatten zuvor wenig Kontakt mit Westdeutschen gehabt. Haben Sie in den Begegnungen Vorbehalte gespürt?

Calmund: Ein bisschen vielleicht. Man muss bedenken, im Osten herrschte Goldgräberstimmung. Das zog Scharlatane an. Die gingen auf die Leute zu und sagten: "Wir wollen nur euer Bestes." Und meinten: euer Geld. Aber ich habe kein schlechtes Gewissen. Wir haben ja Geld gezahlt, nicht genommen. Vielleicht waren wir ein bisschen forsch. Aber wenn wir es nicht getan hätten, dann andere. Wir waren bloß schneller als die Konkurrenz.

ZEIT ONLINE: Sammer bekamen Sie aber nicht, weil Helmut Kohl Einspruch einlegte. Wie kam es dazu?

Calmund: Kohl hatte kurz vor Weihnachten eine große Rede am Elbufer gehalten, danach beschwerten sich Dresdner Funktionäre über uns Leverkusener. Der Vorwurf lautete: "Ausverkauf!" Das stehe einem westdeutschen Konzern nicht gut, sagte der Kanzler. Also untersagte mir die Chefetage der Bayer AG den Sammer-Transfer. Zuerst auch den von Kirsten, doch ein paar Monate später hatte sich die Lage entschärft. Nach einem DDR-Länderspiel im April holte ich Kirsten vom Flughafen Schönefeld mit dem Auto ab und fuhr ihn nach Dresden. Sammer saß auch drin. Wir haben dann alles perfekt gemacht.

ZEIT ONLINE: Der damalige Nationaltrainer Eduard Geyer wusste nichts davon. Waren das nicht Wildwestmethoden?

Calmund: Das war nicht die feine Art, stimmt. Ich hab mich später mehrfach bei Ede Geyer entschuldigt. Aber Kirsten war mein bester Transfer, trotz Völler, Schuster, Lucio, Ballack, Zé Roberto und da sitzt einem das Hemd eben näher als der Rock. Ulf Kirsten wurde Torschützenkönig des Jahrzehnts.

ZEIT ONLINE: Was wäre aus Leverkusen mit Sammer geworden?

Calmund: Ich konnte die Argumente unseres Bundeskanzlers und die meiner Bosse zwar verstehen, dennoch tat der Verlust von Sammer weh. Noch heute. Mit ihm wurde Stuttgart 1992 Meister, später wurde er Europas Fußballer des Jahres. Mit dem BVB schnappte er uns als jüngster Bundesligatrainer 2002 die Meisterschale vor der Nase weg. Mit Sammer hätte Leverkusen die Schale geholt.

"Mit den Amerikanern ging es nun mal leichter nach oben"

ZEIT ONLINE: Was schätzten Sie am DDR-Fußball?

Calmund: Vor allem die Jugendausbildung. Zehn Jahre später haben wir einiges abgekupfert. Die Ost-Vereine hatten oft dreißig und mehr hauptamtliche Jugendtrainer, Betreuer und Mediziner beschäftigt. Ende der 80er Jahre gab es bei den Bundesligaclubs nur einen hauptamtlichen Trainer, alle anderen Trainer und Betreuer gingen noch einem weiteren Beruf nach. Denken Sie nur an die WM 2002, die halbe Mannschaft stammte aus dem kleinen Reservoir im Osten: Ballack, Schneider, Linke, Jeremies, Jancker. Diese Jungs waren 1989 zwischen zehn und vierzehn Jahren alt.

ZEIT ONLINE: Wieso schafften es so viele ostdeutsche Vereine nicht?

Calmund: Fußball stand bei Manfred Ewald, dem mächtigsten Sportfunktionär der DDR, nicht auf der Liste. Und nach der Wende litt der Ostfußball unter schwierigen Startbedingungen im neuen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem. Zuschüsse von Ministerien und Kombinaten fielen weg. Und Geld zu generieren, war schwer in einem Land, dessen Wirtschaft gerade abgewickelt wird. Die Voraussetzungen für diesen Job konnte man nicht in einem Schnellkurs lernen. Auch kamen nicht viele Zuschauer. Nur ein Beispiel: Als Hansa Rostock 1992 den FC Barcelona schlug, verliefen sich 8.500 Zuschauer ins Ostsee-Stadion.

ZEIT ONLINE: Warum ist der Osten im Profifußball seit langem untervertreten?

Calmund: Wir leben in einer globalen Welt, ich halte den deutschen Ost-West-Vergleich für einen Witz. Übrigens, von 25 Ex-Bundesligisten, inklusive Dresden, Leipzig, Rostock, Cottbus, spielen aktuell 15 Westklubs in der Vierten Liga und tiefer. Außerdem: Nur gut 600.000 der knapp sieben Millionen DFB-Mitglieder kommen aus dem Nordostdeutschen Fußballverband. Statistisch gesehen müssten in den drei Ligen je 1,6 bis 1,8 Vereine aus dem Osten spielen. In der Zweiten Liga spielen drei: Union, Aue und Leipzig. In der Dritten Liga sogar sechs: Dresden, Cottbus, Erfurt, Chemnitz, Rostock und Halle. Und in der Bundesliga fehlt gerade mal einer, neben Hertha...

ZEIT ONLINE: …ein Verein mit westdeutscher Geschichte und Kultur...

Calmund: … ich zähle ihn dennoch zum Osten. Und RB Leipzig wird sicher bald aufsteigen ...

ZEIT ONLINE: … ein Verein mit westdeutscher Anmutung ...

Calmund: …die Landkarte lügt nicht. In der letzten Saison kamen zu den Drittligaspielen von RB Leipzig oft mehr Leute als zu Leipziger Bundesligazeiten in den Neunzigern. Wenn ich sehe, wie Dietrich Mateschitz in den Nachwuchs und die Infrastruktur investiert, sehe ich auch, dass in Leipzig bald Landschaften blühen. Allerdings wird Mateschitz lernen, dass es einfacher ist, ein Formel-1-Auto zusammenzubauen als Fußballmeister zu werden.

ZEIT ONLINE: Ist unser Land ein Land?

Calmund: Ja, klar. Auch der Fußball trägt dazu bei, er erreicht die Herzen. Aber ich schaue darüber hinaus. Nehmen Sie nur mal das deutsche Urlaubsziel Nummer eins, die Ostsee. Ich selbst fahre mit meiner Familie gerne nach Binz und Usedom. Dann diese wunderschönen Städte Dresden, Erfurt, Leipzig, Wismar, Schwerin und natürlich Berlin. Als Deutscher fühle mich im Osten genau so wohl wie im Westen. Vor dem Mauerfall lebte ich ja nur zufällig auf der Westseite. Mit den Amerikanern ging es nun mal leichter nach oben. Das war kein Verdienst von mir, das war reine Glückssache. Deswegen war für mich der Solidaritätsbeitrag immer gerecht. Und was viele vergessen: Den zahlen auch die Menschen im Osten.