Eine der wichtigsten Besprechungen der WM fand im Pool statt. Das denkt man zumindest, wenn man den Film Die Mannschaft schaut, der diesen Donnerstag in den deutschen Kinos anläuft. Philipp Lahm liegt im Wasser, Joachim Löw beugt sich zu ihm. Sie reden, angeblich über Lahms' Position, Mittelfeld oder Abwehr? Doch man hört nicht was sie sagen, denn unterlegt wird dieses Bild mit einem Interview, das die Filmemacher nach der WM mit Lahm führten. Er sagt: "Ich spiele da, wo ich am wertvollsten bin." Das war's. Wo Lahm spielt, war vor und während der WM eine der brisantesten Fragen. Um seine Position im Mittelfeld stritten mehrere etablierte Kräfte, er selbst forderte Klarheit. Doch der Film, der ein Dokumentarfilm sein will, lässt Lahm bei dieser Frage im Pool planschen. 

Das ist typisch für den 90-minütigen Streifen. Er ist ganz nett anzuschauen, aber zeigt vor allem Seichtes statt Substanz, Banalitäten statt Erkenntnisse, Hochglanz statt Konflikte. Das alles verwundert nicht unbedingt, schließlich ist der Film eine Eigenproduktion des DFB, der nicht so verrückt ist und der so anrührenden Geschichte vom traumhaften Weltmeistersommer ohne Not irgendwelche Ecken und Kanten hinzufügt. Obwohl man sich genau das gewünscht hätte. Einen unverstellten Blick. Einen solch exklusiven Zugang wie die Filmemacher hatte schließlich niemand.

Der Film trägt die Handschrift vom Nationalelfmanager Oliver Bierhoff. Der DFB beauftragte drei seiner Medienleute, die deutsche WM-Reise ab dem Vorbereitungstrainingslager in Südtirol mit der Kamera zu begleiten. Alles war geplant. Von den Ruhezeiten über die Essenspläne bis zu den Namen der Spieler, die eine Schule besuchen sollen. Inszeniert werden vermeintlich einfühlsame Weltmeister ohne Profil, ohne Eigenschaften, 90 Minuten Selbstbeweihräucherung. Und dazu schlecht recherchiert: Der Film beginnt mit einem Zitat des englischen Profis Steven Gerrard. "Brasilien hat Neymar, Argentinien hat Messi, Portugal hat Ronaldo, Deutschland hat ein Team." Nun stellt sich heraus, dass das Zitat wohl nicht von Gerrard, sondern vom Twitteraccount eines Gerrard-Fans stammt. Muss man dafür ins Kino?

Es gibt auch gelungene Beispiele in dem Genre

Filme dieser Art sind beliebt. Sie geben dem Zuschauer einen Blick auf etwas, das er sonst nicht sieht: das Innenleben einer Mannschaft. Die Bilder vom Anheizer Jürgen Klinsmann aus dem Sommermärchen 2006 sah das halbe Land. Im Idealfall sehen Filme dieses Genre aus wie Les Yeux dans le Bleus. In dem Film wurde die französische Mannschaft 1998 auf den Weg zum Titel begleitet und interne Machtspielchen um Didier Deschamps und Zinedine Zidane offengelegt.

Wer sich von Bierhoffs PR-Streifen Erkenntnisse erhofft hat, warum Deutschland Weltmeister wurde, wird enttäuscht. Taktik-Analysen oder Einblicke in einstudierte Spielzüge gibt es nicht. Einzige Erkenntnis: Der ulkige Anlauf-Stolperer von Thomas Müller war einstudiert. Nicht erwähnt wird, dass Löw in Brasilien erstmals Zugriff auf eine riesige Statistik-Datenbank hatte und wie er damit arbeitete.

Gedanken und persönliche Eindrücke der Spieler kommen fast nicht vor. Mario Götze war vor dem Endspiel nicht glücklich mit seiner Rolle als Reservist. Im Halbfinale spielte er überhaupt nicht, ins Finale kam er als Joker. Ob er sich gewundert hat, warum immer Mesut Özil spielen durfte? Die Filmemacher haben ihn nicht gefragt.

Natürlich wird auch mit keinem Wort erwähnt, dass der Bau des Luxusresorts Campo Bahia höchst umstritten war. Oliver Bierhoff darf sich selbst dafür loben, Treffen mit Schulkindern und indigenen Stammesindianern arrangiert zu haben. Und gleichzeitig die Medien hierzulande tadeln, die immer nur das Schlechte schreiben. Er entlarvt sich dabei selbst: Fast ungeschnitten nach der Szene mit den Indianern sieht man die Mannschaft auf dem Weg zum Stadion unter Blaulicht und massig Polizeischutz. Ganz nah dran am Volk eben.