Die lange und schwierige 7. Partie der Schach-Weltmeisterschaft endet mit einem Remis, es steht weiter 4:3 für Carlsen. © Fide

Alle Beobachter in Sotschi sind sich einig: Wenn Viswanathan Anand heute, in der siebten Partie, mit Schwarz unter die Räder kommt, ist diese Weltmeisterschaft nahezu entschieden, und Magnus Carlsen wird seinen Titel verteidigen.

Wenn, wenn, wenn. Die Spekulationen kommen inzwischen fast so schnell wie die Computeranalysen zur laufenden Partie. Durch den technischen Fortschritt hat sich Schach zu einer Vorhersagesportart entwickelt. Während die beiden Kämpfer auf sich gestellt sind und in komplexen Stellungen die Übersicht behalten müssen, glauben die Damen und Herren am Spielfeldrand, allwissend zu sein. Die TV-Moderatoren vor den Kameras im Medienzentrum des Olympischen Dorfes und die Kiebitze rund um den Globus zu Hause an ihren Computerbildschirmen, sie überbieten sich an Schlauheit in der Kommentierung, gestützt immer auf die Rechenkraft der mitlaufenden Schachprogramme. Manchmal führt das direkt in die Irre – wie an diesem Montag.

Carlsen spielt Spanisch, Anand die Berliner Mauer. Es ist keine Eröffnung, die das Schachpublikum liebt. Schnell werden die Damen getauscht, es ergibt sich ein schwerblütiges Manövrieren, das oft ins Remis führt. Aus eben diesem Grund ist die Berliner Mauer bei den Meistern beliebt: Spielen sie mit Schwarz, können sie besser gegen Spanisch bestehen als mit den klassischen Varianten.

Wladimir Kramnik hatte an dieser Mauer bei der Weltmeisterschaft 2000 in London alle Angriffe Garri Kasparows abprallen lassen. Ohne eine einzige Partie zu gewinnen, verlor der Weltmeister gegen seinen Herausforderer. Seither gehört diese Spielweise zum Handwerkszeug aller Spitzenspieler.

So dreschen Carlsen und Anand die ersten 20 Züge aufs Brett, ohne groß nachzudenken. Mögen manche Manöver noch so seltsam aussehen, sie sind erprobt. Nach 24 Zügen haben beide Spieler erst je 20 Minuten Zeit verbraucht. Wir sehen also einen Kampf der Vorbereitungen. Ist irgendwann das Ende des Variantendschungels erreicht, stellt sich die Frage, wer dann besser steht und noch ein paar gute Ideen für den weiteren Spielverlauf hat.

Was für ein Kampf! © Ole Kristian Strøm

Bekannt ist, wie genau sich Anand vorbereitet. Seine Vorbereitung ist gefürchtet. Carlsen hingegen zeigt in der Eröffnung meist keinen besonderen Ehrgeiz und gibt sich sogar mit leicht schlechteren Stellungen zufrieden. Andererseits weicht er der Berliner Mauer selten aus und hat sie schon oft durchbrochen.

Die beiden Kämpfer landen in einer Stellung, die für Schwarz verdächtig aussieht. Das sagen die kommentierenden Meister in Sotschi, das zeigen auch die Computer. Nach dem 31. Zug von Carlsen schreibt Großmeister Alexandar Deltschew auf chessbomb.com:  "Ich fürchte, Anand ist in ernster Gefahr, die Partie zu verlieren. Ich sehe keine Idee für schwarzes Gegenspiel mehr." Norwegen ist in heller Aufregung: Führt Magnus jetzt den entscheidenden Schlag?

Anand baut eine Festung

Aber genau jetzt, im 31. Zug, macht Anand etwas, das kein Computer angezeigt hat: Er opfert einen Läufer gegen zwei Bauern. Sofort springen die Bewertungen um und zeigen Carlsen noch deutlicher im Vorteil. Norwegen ist außer sich: Wieder ein Fehler, wie in der sechsten Partie! Gleich ist es aus!

Carlsen aber wird plötzlich sehr langsam. Schon vor dem Figurenopfer wirkte er alles andere als euphorisch. Was, wenn Anand nicht in diese vermeintlich schlechte Stellung gestolpert ist, sondern genau weiß, was er tut? Einen Läufer gibt man nicht einfach so weg. Was, wenn die finale Einschätzung der Position hinter dem Rechenhorizont der Schachcomputer liegt?

Nach wenigen weiteren Zügen zeichnet sich das Thema der Partie ab: Weiß hat Turm und Springer und auf dem Damenflügel zwei Bauern. Schwarz hat einen Turm und auf dem Damenflügel vier Bauern. Anand igelt seinen König ein in einer Bauernfestung, Weiß kann sie nur knacken, wenn er den schwächsten Bauern beseitigt. Kann er unterwegs die Türme tauschen, sollte er gewinnen. Wenn nicht, wird die Partie remis enden.

Es sieht ganz danach aus, dass Anand Carlsen ausgetrickst hat. Weiß steht besser, kann aber keine Fortschritte machen. Allerdings hat Weiß alle Zeit der Welt, um gegen die Festung anzurennen. Diese Partie kann noch Stunden dauern.