Der Inder Viswanathan Anand, 44, verlor seinen Weltmeistertitel im November 2013 in seiner Heimatstadt Chennai. Im Duell gegen den 23-jährigen Norweger Magnus Carlsen unterlag er so klar, dass kaum jemand mehr mit ihm rechnete. Doch er gewann im März 2014 das Kandidatenturnier im sibirischen Chanty-Mansijsk gegen sieben jüngere Konkurrenten. Anand ist wieder da.

Die WM 2014 wird im russischen Olympia-Ort Sotschi ausgetragen. Vor seiner Abreise ans Schwarze Meer durfte ich dem Herausforderer einige Fragen stellen. Weder persönlich noch am Telefon, sondern nur per Mail, um seine Konzentration auf das Match nicht zu stören. Es ist zurzeit das einzige Mal, das sich Anand in einem europäischen Medium äußert. In seinen Antworten kommt seine Frau und Managerin Aruna vor, sein kleiner Sohn Akhil, und natürlich sein Gegner, Magnus. (Click here for the english version)

ZEIT ONLINE: Herr Anand, ist es leichter, den Titel zu holen, als ihn zu verteidigen?

Viswanathan Anand: Beides ist schwierig und am Ende wird es nur eine glückliche Person geben: den Meister.

ZEIT ONLINE: Hat Ihnen vor Chennai 2013 die Motivation gefehlt?

Anand: Mein Schach ging durch eine schwere Zeit.

ZEIT ONLINE: Den Titel zu verlieren muss eine bittere Erfahrung sein. Wie ging es Ihnen nach dem Kampf?

Anand: Ich habe fast sofort versucht, das zu vergessen. Mein Sohn Akhil nahm mir eine Menge Sorgen ab. Wir versuchten, eine normale Familie zu sein. An den Strand gehen, Freunde sehen. Man erkennt, dass es jenseits vom Schach noch eine Welt gibt.

ZEIT ONLINE: Wie lang brauchten Sie, um die Niederlage zu verwinden?

Anand: Nach einer Woche war sie schon ziemlich fern.

ZEIT ONLINE: Wie reagierte man in ihrem Heimatland Indien auf die Niederlage? Waren ihre Landsleute sehr enttäuscht?   

Anand: Natürlich waren sie enttäuscht. Aber sie haben mich sehr unterstützt. Vielleicht hat mich das in Chanty-Mansijsk motiviert.

ZEIT ONLINE: Durch was haben Sie eine neue Balance gefunden? War es die Familie? Lesen? Reisen? Sport? Oder doch wieder Schach?  

Anand: Ein bisschen von allem. Ich habe es genossen, bei Akhil zu sein, ihn zur Schule zu bringen, für ihn Kinderlieder zu singen.

ZEIT ONLINE: Ich könnte mir vorstellen, dass Sie einen Rückzug vom Turnierschach erwogen haben. Lässt sich schon etwas sagen über Ihr Leben danach?   

Anand: Darüber denke ich nicht nach. Ich spiele immer noch Schach, als wäre ich ein sechsjähriger Anand.

ZEIT ONLINE: Sehen Sie sich als neuer Viktor Kortschnoi, immer weiter und weiter spielend und von der Schachwelt tief respektiert?

Anand: Ich denke nicht in diesen Kategorien. Ich spiele, weil es mir Spaß macht.

ZEIT ONLINE: Ihr früherer Herausforderer Boris Gelfand sagt, er genieße Schach mehr als je zuvor.

Anand: Ich kann das nachfühlen. Man findet neue Arten zu lernen und zu genießen.

ZEIT ONLINE Hat sich Ihre Haltung zum Spiel während Ihrer Karriere verändert?

Anand: Sie ändert sich ständig.

ZEIT ONLINE: Wann haben Sie begonnen, Ihre Partien aus Chennai zu analysieren? Direkt nach dem Kampf oder viel später?

Anand: Chennai ist ein abgeschlossenes Kapitel. Ich sitze nicht da und sehe mir das durch. Natürlich haben wir wichtige Erkenntnisse gewonnen.  

ZEIT ONLINE: Werden Sie eines Tages ein Buch über die Erfahrungen Ihres Schachlebens schreiben, tiefe Geheimnisse des Spiels enthüllend?

Anand: Es gibt eines, das bald veröffentlicht wird.