Jürgen Klopp und Adrián Ramos nach dem verlorenen Champions-League-Spiel gegen den FC Arsenal © Clive Rose/Getty Images

"Das dritte Jahr ist tödlich", sagte der große ungarische Fußballtrainer Béla Guttmann. Das sollte heißen: Wer als Trainer länger bei einem Club bleibt, wird keinen Erfolg mehr haben. Die Spieler langweilen sich, werden selbstgefällig, Fans und Präsidium anspruchsvoll, während die Gegner ihre Strategien erfolgreich angepasst haben. Es funktioniert nicht mehr. Schön war es, aber die Magie ist weg. Nachdem er das erkannte, blieb Guttmann nirgendwo länger als drei Jahre.

Nun sollte man die Zahl drei nicht zu wörtlich nehmen. Obwohl sie bei vielen großen, stilprägenden Vereinen passte. Dynamo Kiew (1966-1968), Ajax Amsterdam (1971-1973), AC Milan (1988-1990) und der FC Barcelona (2008-2011) hatten ihre Blütezeiten voller Erfolge und Dominanz fast genau drei Jahre lang. Das Phänomen, dass Dinge, die einst blendend funktionierten plötzlich nicht mehr klappen, muss nun auch Borussia Dortmund erfahren. Ist deren beste Zeit mit Jürgen Klopp etwa auch schon vorbei? Wird man hinter den BVB bald die Jahre 2011 bis 2013 in Klammern setzen?

Hatz nach dem Ball war neu

Es gibt Strategien, diesen Blues zu verhindern. Beständig Spieler statt des Trainers auszutauschen zum Beispiel. Oder sich für viel Geld zwei Parallelmannschaften zu halten, jede Position doppelt zu besetzen und mit diesem permanenten Konkurrenzkampf das Feuer am Lodern zu halten. Wem für die erste Variante die nötige Talentschmiede, für die zweite das Kleingeld fehlt, der hätte noch eine andere Chance: das Spielsystem an neue Erfordernisse anpassen, aus der gleichen Mannschaft eine andere machen. Genau das hatte Jürgen Klopp in Dortmund vor. Doch der Versuch ist ihm bislang misslungen. So sehr misslungen, dass die Frage erlaubt sein muss, ob Jürgen Klopp wirklich der Übertrainer ist, für den ihn viele halten. Ob er wirklich ein ähnliches taktisches Genie wie Pep Guardiola ist.

Mit Abenteuerfußball wurde der BVB zweimal Deutscher Meister. Die Mannschaft spielte schnell, intensiv, aggressiv. Sie legte keinen Wert auf Ballbesitz, sondern wartete, bis der Gegner einen Fehler machte, um dann – eins, zwei, drei – vor dem gegnerischen Tor aufzutauchen. Mit viel Herz und viel Risiko.

Das kannte man in dieser Form in der Liga nicht. Der BVB verband das mit dem sogenannten Gegenpressing, dem aggressiven, kollektiven Nachsetzen nach einem Ballverlust, weit in der gegnerischen Hälfte, in der der Weg zum Tor des Gegners herrlich nahe ist. Diese Hatz nach dem Ball überrumpelte jeden Gegner. Auch das kannte man in der Bundesliga nicht.

Opfer des eigenen Erfolgs

Doch die Gegner sind nicht dumm. Schon früh überlegten sie sich, wie dem sonderbaren BVB-Stil beizukommen war. Mit der Zeit setzten sich zwei Prämissen durch: Nicht zu wild angreifen, um sich nicht auskontern zu lassen. Und im Zweifel den Ball nach vorne bolzen. Immer noch besser als ihn im gefährlichen Gebiet in der eigenen Hälfte an die Dortmunder zu verlieren. Eintracht Frankfurt kombinierte diesen Stil beim 2:0 über den BVB am Sonntag mit eigenem, frechem Pressing.

Die Liga ist besser geworden in den vergangenen Jahren, die Trainer sind besser geworden, der Fußball auch. Viele schauten sich etwas vom BVB ab. Bayer Leverkusen führt das Gegenpressing, mit Unterstützung des ehemaligen Dortmunder Fitnesscoaches Oliver Bartlett, gerade auf eine neue, noch extremere Stufe. Die Dortmunder sind Opfer ihres Erfolgs geworden.

Eine Weile war das BVB-Spiel noch erfolgreich. Nach dem Double 2012 gewannen die Dortmunder zwar keinen Titel mehr, aber sie spielten sich leidenschaftlich ins Champions-League-Finale. Zwei zweite Plätze in der Bundesliga sind auch kein Misserfolg. Das lag weniger an gelungenen taktischen Anpassungen als an individuellen Stärken. Einem überragenden Robert Lewandowski zum Beispiel, der in diesen zwei Jahren noch einmal 64 Tore schoss, mittlerweile trifft er für den FC Bayern. Zudem liefen die Dortmunder noch immer mit einer breiten Brust auf. Selbstvertrauen ist für den Dortmunder Hurrafußball unabdingbar. Grübeln und Zögern bremsen die Jagd.

Jürgen Klopp wusste schon in Zeiten des Erfolgs, dass er wieder an der Reihe war. Er musste seinerseits reagieren, Dortmund hatte seinen Innovationsvorsprung verloren. Doch Klopp tut sich bis heute schwer, eine Antwort zu finden. Oder besser: Er hat eine Antwort gefunden, aber seine Mannschaft kann sie nicht ordentlich umsetzen.

Der BVB, so der Plan, sollte von einer Kontermannschaft zu einem Team werden, das auch mit dem Ball etwas anfangen kann. Zu einer sogenannten Ballbesitzmannschaft. Die spielt sich den Ball hin und her, legt sich den Gegner zurecht und macht irgendwann ihr Tor.