Der Student Andreas Schweighardt und sein Ball © Samuel Acker

Ein kalter Donnerstagabend, Trainingszeit. An der Seitenlinie des Kunstrasenplatzes des Fußballclubs Phönix Eving im Norden Dortmunds laufen sich die C- und D-Jugend warm. Väter verteilen Kläpse auf die Rücken, beim Laufen stoßen die Jungs kleine Atemwolken aus. Die Kicker aus der E-Jugend haben jetzt eigentlich Feierabend, doch einige von ihnen stehen noch in voller Trainingsmontur in einer Ecke des Platzes, üben Hochhalten. "Geht gut mit den neuen Bällen", sagt der zehnjährige Ibrahim. Am Rand steht ein junger Mann mit Vollbart und grinst. 

Das ist Andreas Schweighardt, 27 Jahre alt, Student der Wirtschaftswissenschaften. Er hat die neuen Bälle vorbeigebracht. Er hat sie auch produziert, mit seinem Projekt Die Ballkampagne. Dabei war er um einiges billiger als die großen Konzerne Adidas, Nike, Puma. Und fair, wie er sagt.

Schweighardt weiß: Die Clubs in den unteren Ligen haben kaum Geld. Trikots werden zu Hause gewaschen, die Mutter oder die Freundin backt fürs Spiel einen Kuchen, dessen Verkauf die Clubkasse füllen soll. Manchmal müssen sich die Fußballer die Trainingsbälle selbst kaufen. Und weil gute Bälle schnell 100 Euro kosten, können sich das viele Kicker nicht leisten.

Garage als Bällelager

Schweighardt hat vor einigen Monaten an einem Wettbewerb für Start-ups an seiner Uni teilgenommen. Zunächst sei ihm nichts eingefallen. Dann habe er im TV zufällig gesehen, wie der neue WM-Ball in Brasilien präsentiert wurde. "Das war so ein Brimborium, der wurde im Stadion aus der Mitte hochgefahren. Und das war voll besetzt, als ob ein Staatsgast zu Besuch kommt. Da habe ich mir gesagt, das kann doch nicht wahr sein, dass alle diesem Ball hinterhecheln, der um die 130 Euro kostet", sagt er. Und denkt: Das muss doch günstiger gehen.

Der Student schreibt eine Ballnäherei an, in Sialkot, Pakistan. Über 80 Prozent aller Fußbälle der Welt werden dort produziert. "Ich habe der Fabrik erzählt, dass ich speziell was für kleine Clubs anbieten will, und dann haben wir gesagt: Wir probierens." Das Prinzip klingt simpel: Amateurvereine können über die Projekt-Homepage Bälle bestellen, mindestens 24 Stück. Zweimal im Jahr lässt Schweighardt die Bälle dann aus Pakistan über Birmingham direkt zu seiner Studentenbude ins Ruhrgebiet bringen. "Dann müssen die Bälle auch schnell an die Clubs weitergeleitet werden, außer meiner Garage habe ich keine Lagermöglichkeiten", sagt er und lacht.

In der Regel verschickt er die Bälle. Bei Clubs in der Nähe, wie Phönix Eving, kommt er auch mal persönlich vorbei. Er kann die Bälle für weniger als 30 Euro das Stück verkaufen. "Ein Euro pro Ball kommt in einen Hilfstopf für die Arbeiter in Sialkot", sagt Schweighardt. Der Tageslohn eines Nähers beträgt oft nur drei bis vier Euro. "Wir denken hier in Deutschland zu selten darüber nach, welche Bedingungen am anderen Ende der Produktionskette herrschen."

Margen von bis zu 600 Prozent

Aus reiner Nächstenliebe betreibt Schweighardt das Projekt nicht. Er verkauft die Bälle für das Doppelte des reinen Produktionspreises inklusive Zoll, irgendwann einmal will er von der Kampagne leben können. Im Sportgeschäft in der Innenstadt, wo lauter Zwischenhändler dranhängen, gäbe es Margen von 500 bis 600 Prozent, sagt er. Im Vergleich dazu ist seine Marge von 100 Prozent überschaubar. "Momentan verdiene ich daran noch gar nichts, alles wird reinvestiert", sagt er.

Das offizielle Fair-Trade-Logo hat sein Projekt noch nicht. Günter Schulz vom Informationszentrum Dritte Welt in Dortmund sieht das als Manko: "Die Ballkampagne hat gute Ansätze. Aber um glaubwürdig zu vermitteln, dass es Bälle ohne Kinderarbeit sind, fair produziert – da fehlt es mir noch an Siegeln." Für ein solches Zertifikat wäre zunächst eine externe Kontrolle der Nähfabrik nötig, die mehr als 1.000 Euro kosten kann. 

Zudem wäre pro Ball eine Lizenzgebühr von etwa zwei Euro an TransFair fällig, den Verein hinter dem Fair-Trade-Siegel. "Das ist für uns als kleines Start-up zu teuer und zu bürokratisch", sagt Schweighardt. "Ich habe den direkten Spenden-Euro für die Näher. Anstatt Hunderte von Euro für ein Kontrollzertifikat auszugeben, setze ich die lieber direkt vor Ort ein." Schweighardt sagt aber auch, er stehe in Verhandlungen mit Fair-Trade Deutschland, um eine Lösung zu finden.  

Werbung für faire Bälle unmöglich

Doch auch mit offiziellem Siegel haben es fair gehandelte Bälle hierzulande schwer. Während bei fast allen anderen fairen Produkten der Absatz stetig steigt, geht er bei Sportbällen seit Jahren zurück. Gerade mal 22.000 Stück waren es 2013. Zum Vergleich: Vom WM-Ball Brazuca allein hat Adidas in Deutschland schon um die 700.000 Stück verkauft. 

"Die Werbung ist der Schlüssel", sagt Günter Schulz. "Ich konnte hier in Dortmund mit einigen Borussia-Profis Plakate für faire Schokolade oder Kaffee machen. Aber faire Fußbälle auf keinen Fall – da gibt’s für die Sponsoren kein Pardon." Marken wie Adidas, Nike und Puma lassen es sich Millionen kosten, mit Stars wie Lionel Messi, Neymar oder Marco Reus zu werben. "Solche Summen hat der faire Handel nicht."