Stephanie Gilmore beim Billabong Rio Pro am Strand von Rio de Janeiro © Sergio Moraes/Reuters

Da ist dieser braun gebrannte, knapp verhüllte Po. Der Po liegt im Bett, der Po geht ans Fenster und anschließend unter die Dusche. Der Po steigt, nun in einer kurzen Jeans-Shorts, in ein Auto, holt dann ein Surfboard aus dem Kofferraum und läuft Richtung Strand. Plötzlich bearbeiten zwei Brüste ein Surfboard, kaum verhüllt von einem knappen Bikini. Die gehören wohl zum Po, der nun wiederum an einem schönen Strand in die Wellen springt und auf einem Surfboard in den Sonnenaufgang paddelt.

Dieser Po gehört der Australierin Stephanie Gilmore, einer jungen Frau mit strohblonden Locken. Sie ist die aktuelle Nummer eins des Surfsports. Am vergangenen Donnerstag holte sie ihren sechsten Weltmeistertitel. Das Video drehte ein Sponsor, Roxy, die Frauensurfmarke von Quiksilver. Es sollte eine Surfveranstaltung bewerben. Kein einziges Mal ist in dem Video Gilmores Gesicht zu sehen. Ebenso wenig ihre beeindruckenden Fähigkeiten auf dem Board, Gilmore darf in dem Video gar nicht surfen.

Roxy musste für die Werbung viel Kritik einstecken. Das Video würde sich auch in der Kategorie Soft Porn gut machen, hieß es. Allerdings kamen die Einwände nicht aus der Surfszene, sondern aus dem Netz. Das Unternehmen verteidigte das Video mit der Aussage, alle Athletinnen seien naturgemäß sexy. Gutes Aussehen und Sexappeal seien aber keine Voraussetzung, um Profisurferin zu werden.

Im Wasser ist kein Platz für alle

Es reicht ein Blick auf die Rankingliste, um diese Sätze zu enttarnen. Der erfolgreiche Surfer und die erfolgreiche Surferin entsprechen genau einem Typus: Bei den Männern ist es der weiße, blonde, muskulöse, heterosexuelle und aggressiv-heroische Typ. Er heißt Mick Fanning, Owen Wright oder Kelly Slater. Bei Frauen das weiße, blonde, schlanke, nicht zu muskulöse, ebenfalls heterosexuelle, sexy chick. Sally Fitzgibbons, Lakey Peterson oder eben Stephanie Gilmore. 

Nur wer diesem Klischee entspricht, bekommt die wichtigen Sponsorenverträge, wird auf teure Surftrips eingeladen, darf Fotoshootings für Magazine drehen und kann so vom Surfen allein leben. Die großen Surfmarken wie Billabong, Quiksilver, O'Neill oder Hurley besitzen so die Deutungshoheit darüber, wie der Körper von Surfern und Surferinnen auszusehen hat. Im Wasser ist kein Platz für alle.

Kapitalismus, Sexismus, Rassismus

Die Surfszene mit ihrem Hang-loose-Motto und dem coolen, umweltbewussten Aloha-Lifestyle wird von Hobbysurfern und Außenstehenden oft als Hort der gegenseitigen Toleranz, des friedlichen Miteinanders oder sogar als Anti-Establishment-Bewegung gesehen. Surften Frauen und Männer in den fünfziger und sechziger Jahren tatsächlich noch aus Protest gegen die biedere und konservative Moral der McCarthy-Ära, hat die Szene seit ihrer aggressiv fortschreitenden Kommerzialisierung ab den 1970er Jahren beinahe alles von ihrem ursprünglich revolutionären und egalitären Gedankengut verloren. Stattdessen: Kapitalismus, Sexismus, Rassismus.

Noch immer wird das Einkommen von heutigen Profisurferinnen mit dem von früheren verglichen, statt mit dem ihrer männlichen Kollegen. Die verdienen durchschnittlich etwa viermal so viel wie die Frauen. Immer wieder werden Events speziell für Surferinnen abgesagt, Preisgelder gestrichen und beinahe immer dürfen die Männer ihre Wettbewerbe an den Tagen mit besseren Bedingungen ausrichten. Das Outfit der Frauen besteht aus knappen Bikinihöschen und einem kleinen Neoprenoberteil mit den Logos der Sponsoren darauf, während die Männer in gewöhnlichen Shorts oder Neoprenanzügen surfen.