Da ist dieser braun gebrannte, knapp verhüllte Po. Der Po liegt im Bett, der Po geht ans Fenster und anschließend unter die Dusche. Der Po steigt, nun in einer kurzen Jeans-Shorts, in ein Auto, holt dann ein Surfboard aus dem Kofferraum und läuft Richtung Strand. Plötzlich bearbeiten zwei Brüste ein Surfboard, kaum verhüllt von einem knappen Bikini. Die gehören wohl zum Po, der nun wiederum an einem schönen Strand in die Wellen springt und auf einem Surfboard in den Sonnenaufgang paddelt.

Dieser Po gehört der Australierin Stephanie Gilmore, einer jungen Frau mit strohblonden Locken. Sie ist die aktuelle Nummer eins des Surfsports. Am vergangenen Donnerstag holte sie ihren sechsten Weltmeistertitel. Das Video drehte ein Sponsor, Roxy, die Frauensurfmarke von Quiksilver. Es sollte eine Surfveranstaltung bewerben. Kein einziges Mal ist in dem Video Gilmores Gesicht zu sehen. Ebenso wenig ihre beeindruckenden Fähigkeiten auf dem Board, Gilmore darf in dem Video gar nicht surfen.

Roxy musste für die Werbung viel Kritik einstecken. Das Video würde sich auch in der Kategorie Soft Porn gut machen, hieß es. Allerdings kamen die Einwände nicht aus der Surfszene, sondern aus dem Netz. Das Unternehmen verteidigte das Video mit der Aussage, alle Athletinnen seien naturgemäß sexy. Gutes Aussehen und Sexappeal seien aber keine Voraussetzung, um Profisurferin zu werden.

Im Wasser ist kein Platz für alle

Es reicht ein Blick auf die Rankingliste, um diese Sätze zu enttarnen. Der erfolgreiche Surfer und die erfolgreiche Surferin entsprechen genau einem Typus: Bei den Männern ist es der weiße, blonde, muskulöse, heterosexuelle und aggressiv-heroische Typ. Er heißt Mick Fanning, Owen Wright oder Kelly Slater. Bei Frauen das weiße, blonde, schlanke, nicht zu muskulöse, ebenfalls heterosexuelle, sexy chick. Sally Fitzgibbons, Lakey Peterson oder eben Stephanie Gilmore. 

Nur wer diesem Klischee entspricht, bekommt die wichtigen Sponsorenverträge, wird auf teure Surftrips eingeladen, darf Fotoshootings für Magazine drehen und kann so vom Surfen allein leben. Die großen Surfmarken wie Billabong, Quiksilver, O'Neill oder Hurley besitzen so die Deutungshoheit darüber, wie der Körper von Surfern und Surferinnen auszusehen hat. Im Wasser ist kein Platz für alle.

Kapitalismus, Sexismus, Rassismus

Die Surfszene mit ihrem Hang-loose-Motto und dem coolen, umweltbewussten Aloha-Lifestyle wird von Hobbysurfern und Außenstehenden oft als Hort der gegenseitigen Toleranz, des friedlichen Miteinanders oder sogar als Anti-Establishment-Bewegung gesehen. Surften Frauen und Männer in den fünfziger und sechziger Jahren tatsächlich noch aus Protest gegen die biedere und konservative Moral der McCarthy-Ära, hat die Szene seit ihrer aggressiv fortschreitenden Kommerzialisierung ab den 1970er Jahren beinahe alles von ihrem ursprünglich revolutionären und egalitären Gedankengut verloren. Stattdessen: Kapitalismus, Sexismus, Rassismus.

Noch immer wird das Einkommen von heutigen Profisurferinnen mit dem von früheren verglichen, statt mit dem ihrer männlichen Kollegen. Die verdienen durchschnittlich etwa viermal so viel wie die Frauen. Immer wieder werden Events speziell für Surferinnen abgesagt, Preisgelder gestrichen und beinahe immer dürfen die Männer ihre Wettbewerbe an den Tagen mit besseren Bedingungen ausrichten. Das Outfit der Frauen besteht aus knappen Bikinihöschen und einem kleinen Neoprenoberteil mit den Logos der Sponsoren darauf, während die Männer in gewöhnlichen Shorts oder Neoprenanzügen surfen.

Oben-ohne-Sand-Wrestlings

Die Surferin Cori Schumacher © Maria Cerda

Surferinnen werden von den Medien und selbst von ihren eigenen Sponsoren oft weniger als Profisportlerinnen porträtiert, sondern als Models mit einem Surfbrett unter dem Arm. Die wichtigsten Surfmagazine produzieren ganze Fotostrecken mit professionellen Playmates, die manchmal, nicht immer, auch surfen können. Zu den wiederkehrenden Motiven gehören Oben-ohne-Sand-Wrestlings und Nacktfotos von Profisurferinnen, auf denen irgendwo als Accessoire ein Surfboard zu sehen ist.

Nur wenige erfolgreiche Surferinnen haben die Zustände in der Szene offen thematisiert. Anastasia Ashley, Big-Wave-Surferin und Model, kritisierte in einem Fernsehinterview den Fokus der meisten Magazine auf ihren Körper anstatt auf ihre Erfolge auf dem Brett. Ashley ist jedoch nur die Nummer 59 im offiziellen Ranking der Association of Surfing Professionals (ASP) und hat somit weit weniger zu befürchten als die Frauen in den oberen Rängen. In dem Interview sagte sie auch: Objektivierende und degradierende Äußerungen von Surfmedien gehörten zum Job und würden von ihr nicht allzu ernst genommen. Gleichzeitig gab sie zu, dass es schwer sei, so als ernsthafte Sportlerin wahrgenommen zu werden. Carissa Moore, Nummer drei der Surfwelt, berichtete vor einigen Jahren von ihrer Essstörung, die sie unter anderem auf das ständige Fotografiertwerden in knappen Bikinis zurückführte.  

Cori Schumacher, dreimalige Longboardweltmeisterin aus dem kalifornischen San Diego, ist eine, die das weiße, heterosexuelle und frauenfeindliche Narrativ der Surfszene offen kritisiert. "Die Kultur des Surfens ist im Grunde so viel diverser, als die großen Unternehmen sie präsentieren", sagt sie. "Auf der einen Seite hat das Surfen seinen nicht weißen, nicht westlichen Ursprung in Hawaii, was auch stetig so beworben wird. Auf der anderen Seite wird das Image des Sports von weißen, heterosexuellen Männern repräsentiert. Das passt nicht zusammen." Geschichten zum Beispiel über schwule Surfer, wie sie der australische Film Out In The Line-Up erzählt, kommen in der Mainstream-Surfpresse gar nicht vor

Auch Rassismus in der Szene wird selten offen thematisiert, rückt jedoch in letzter Zeit unfreiwillig in den Fokus. Bei der Weltmeisterschaft der Männer wird die Vormacht der white dudes aus Amerika und Australien ernsthaft durch die aktuelle Nummer eins, den Brasilianer Gabriel Medina, gefährdet. Der hatte zuletzt in einem Interview offen den Rassismus seiner weißen Kollegen gegenüber ihm und anderen mittel- und südamerikanischen Surfern angesprochen, sich jedoch bei Beispielen bedeckt gehalten. 

Surfende Frauenbewegung

"Gabriel Medina ist ein absolut außergewöhnlicher Mann. Er kritisiert nicht nur öffentlich Rassismus in der Szene, sondern sponsert die junge Surferin Johanne Defay, die als Newcomerin unter den großen Marken keine Unterstützer fand", sagt Cori Schumacher. Das sei in dieser vom neoliberalen Wettbewerbsgedanken durchdrungenen Sportart alles andere als selbstverständlich.

Ihren dritten Weltmeistertitel im Longboarden gewann Schumacher ohne Sponsor. Sie zog sich aus dem Profisport zurück, als die ASP ankündigte, einen Wettbewerb in China auszutragen. Bei der Menschenrechtslage war das für Schumacher ein Unding. Sie glaubt, dass die surfende Frauenbewegung und jene Aktivisten, die sich gegen Rassismus einsetzen, zusammenarbeiten müssen: "Es gibt Initiativen von Surferinnen, von nicht weißen Surfern sowie von surfenden Gay-Rights-Aktivisten, die auf die Situation jener aufmerksam machen wollen, die nicht in die Schublade dieses einen Typus passen und das auch nicht wollen."

Veränderung von unten

Von den wenigen Frauen, die es an die Spitze geschafft haben, ist keine Kritik an diesem sexistischen System zu erwarten, glaubt Schumacher. Aber: "Ich würde die wenigen Frauen, die es an die Spitze geschafft haben, deswegen nicht kritisieren. Wenn es dein größter Traum ist, die Nummer eins der Surfwelt zu werden, wirst du dieses Ziel nicht selbst gefährden. Stephanie Gilmore, Sally Fitzgibbons oder Carissa Moore werden ihre hat erarbeiteten Privilegien als Surferinnen mit guten Sponsorenverträgen niemals aufs Spiel setzen."

Die Veränderung müsste stattdessen von unten passieren, und sie müsste die Privilegien der weißen, männlichen Spitze infrage stellen. "Mein Ziel ist es nicht, die Menschen zu kritisieren, die sich von dem System haben vereinnahmen lassen, sondern den neoliberalen Wettbewerb, der diese Kultur des Sexismus und Rassismus kreiert. Kein victim blaming, sondern Veränderung durch Graswurzelbewegung."  

Wettbewerb grundsätzlich infrage stellen

Ein wichtiges Ziel sei es, eigene Medien und Infokanäle ins Leben zu rufen, sagt Schumacher. Ein positives Beispiel für Nachrichten aus der Welt der Boardsportarten, das ohne Sexismus und Rassismus auskommt, ist das Onlinemagazin The Inertia. Es finanziert sich konsequent über Abonnements und akzeptiert keine Werbung großer Surfmarken. Für eines von Schumachers Projekten, das die weltweite Geschichte surfender Frauen erforschen will, läuft gerade eine Fundraiser-Kampagne.

Weniger Sexismus, so Schumacher, könne es nur geben, wenn die Idee des Wettbewerbs grundsätzlich infrage gestellt wird. "Ich wünsche mir, dass es mehr Initiativen gibt, die die spielerische Seite des Surfens betonen", sagt sie. Surfen und das damit verbundene Lebensgefühl seien dazu gemacht, das Leben zu genießen. Stattdessen würden immer jüngere Surferinnen und Surfer zu den Wettbewerben geschleppt. "Die Frage, ob diese Wettbewerbe es wirklich wert sind, seine Jugend aufzugeben, um vielleicht irgendwann mal eine Trophäe zu gewinnen, sollte erlaubt sein", sagt Schumacher.