In spanischen Stadien geht es eigentlich leiser zu als in denen der anderen großen europäischen Ligen. Durch die recht teuren Eintrittspreise zieht es in erster Linie Rentner und wohlhabende Leute in die Arenen. Im Camp Nou von Barcelona oder Real Madrids Bernabéu-Stadion gleichen Fußballspiele oft einer Opernaufführung. Bei besonders gelungenen Aktionen werden die Protagonisten beklatscht, ansonsten schweigt das Auditorium erhaben.

Doch auch der spanische Fußball hat ein Gewaltproblem. Das zeigte sich Ende November, als gegnerische Fans einen Anhänger von Deportivo La Coruña töteten. Nun wird in Spanien über die Ultras diskutiert. Der Ligaverband (LFP) will mit dem spanischen Fußball-Verband (RFEF) und der obersten Sportbehörde (CSD) am kommenden Montag einen Beschluss verabschieden, der die Ultras aus den Stadien verdrängen soll.  

Der 43-jährige Francisco José Romero Taboada, genannt Jimmy, war vor dem Spiel zwischen Atlético Madrid und Deportivo La Coruña bei einer Massenschlägerei ums Leben gekommen. Mitglieder der rechtsgerichteten Frente Atlético hatten ihn zusammengeschlagen und in den Fluss Manzanares geworfen. Rund 200 Ultras der rechten Gruppierung Frente Atlético und der linken Riazor Blues waren zuvor aufeinander losgegangen, bewaffnet mit Messern, Eisstangen oder Glasflaschen. Dabei wurden mehr als 30 Polizisten verletzt, es gab rund 60 Festnahmen, 88 Randalierer konnten identifiziert werden.  An diesem Dienstagvormittag nahm die spanische Polizei 34 Personen fest, darunter zwei Hauptverdächtige.

"Kein Platz mehr in den Stadien"

Spanien war schockiert. Lange Zeit hatte es keine Ausschreitungen dieser Größenordnung mehr gegeben, obwohl Gewalt im spanischen Fußball stets eine Rolle spielte. Seit 1982 waren durch sie nach offiziellen Angaben elf Menschen gestorben In Zukunft sollen allen Clubs, die mit gewalttätigen oder gewaltbereiten Fans zusammenarbeiten, sie dulden oder tolerieren, Punkte abgezogen werden können. Bei besonders gravierenden Vergehen, die noch nicht näher definiert sind, droht der Zwangsabstieg. Außerdem ist der Einsatz von Sicherheitsbeauftragten angedacht, die in den Stadien Fingerabdrücke der potenziellen Randalier nehmen sollen. Diese Überwachung verfolgt ein Ziel: "Wir wollen diese Personen völlig aus dem Fußball entfernen. Für sie gibt es keinen Platz, weder in den Stadien noch außerhalb", sagt Miguel Cárdenal, der Präsident der obersten Sportbehörde.

Der Sportwissenschaftler Alejandro de la Viuda Serrano von der Technischen Universität Madrid glaubt indes nicht, dass sich an den Zuständen im spanischen Fußball etwas ändern wird. "Wenn was passiert, ist die Aufregung immer groß. Man versucht halbherzig, Strafen auszusprechen und Maßnahmen einzuleiten, aber schon nach kurzer Zeit verfallen alle in den alten Trott. Das ist alles nur Kosmetik", sagt er.

Spanien diskutiert, wie es zu den Krawallen von Madrid kommen konnte. So recht findet niemand eine Antwort. Die Täter kommen aus allen Schichten der Gesellschaft. Auch wenn bei einigen Clubs (Atlético Madrid, Rayo Vallecano) der Zulauf aus dem kriminellen Milieu zuletzt stark angestiegen ist, handelt es sich nicht immer  um polizeibekannte Personen oder Vorbestrafte. "Es gibt kein typisches 'Profil Ultra', wie es uns einige Ermittler glauben lassen wollen", sagt de la Viuda Serrano. "Das sind nicht automatisch Jugendliche oder ehemalige Gefangene, sondern auch Leute, die geregelten Jobs nachgehen, Familie und ein normales Leben haben. Am Wochenende wird der Fußball für sie dann zum Ventil, um Frust abzubauen."   

Szene viel kleiner als in Deutschland

Nach Angaben der Polizei ist die Zahl von Gewaltdelikten im Zusammenhang mit Fußballspielen im Jahr 2014 um 64 Prozent gestiegen. Das berichtet die Zeitung El Pais. Demnach wurden in diesem Jahr 130 Personen festgenommen, 2013 waren es 80 gewesen. Zum Vergleich: Allein beim Regionalliga-Spiel zwischen der zweiten Mannschaft des 1. FC Union Berlin und dem 1. FC Magdeburg wurden am vergangenen Dienstag 253 Personen festgenommen.

Die Dimension ist eine andere, Spaniens Ultraszene ist zahlenmäßig deutlich kleiner als etwa die in Deutschland oder Italien. Oft handelt es sich bei Spielen um Gruppen mit ein paar Hundert Mitgliedern. Nur die Frente Atlético, Ultras Sur (Real) und Curva Nord (Valencia) haben weit über tausend Mitglieder. Aber deshalb sind sie nicht automatisch harmloser als ihre internationalen Pendants. Alle drei Gruppierungen werden dem rechten Spektrum zugeordnet, nicht selten posieren die Mitglieder vor Hakenkreuzfahnen oder tragen nationalsozialistische Symbole an der Kleidung. Rassismus ist in den Stadien verbreitet – nicht nur unter den Ultragruppen, die dem rechten Spektrum angehören. Erst im Herbst wurde Barcelonas dunkelhäutiger Außenverteidiger Dani Alves beim Spiel in Villarreal von einem Zuschauer mit einer Banane beworfen. Die Bilder gingen um die Welt, was in erster Linie an Alves’ Reaktion lag: Er hob die Banane auf und aß sie.