Fast ein Hooligan

Die Geschichte des Mannes ist die Geschichte der Schlägerei. Man kennt es auch aus Buch und Film. In manchem Asterix-Band verhauen sich die Dorfbewohner mit Wonne. In David Finchers Kultstreifen Fight Club findet ein Mitglied unserer tranig machenden Konsumgesellschaft seinen Lebenssinn im archaischen Faustkampf wieder. Und wer im Zoo einer Schimpansengang eine Zeit lang zuschaut, wird sich von Unser Charly-Romantik verabschieden müssen. Die Männchen geben sich nämlich ordentlich auf die Mütze.

Doch deutsche Richter könnten der Natur nun eine Grenze ziehen. Der Bundesgerichtshof entscheidet am Donnerstag, ob Massenschlägereien verboten sind, selbst wenn alle Beteiligten freiwillig daran teilnehmen. Angeklagt sind fünf Mitglieder von Elbflorenz, einer Dresdner Hooligan-Gruppe, die sich regelmäßig mit anderen verabredet, um sich gegenseitig mal ordentlich die Fresse zu polieren.

Vor dem höchsten deutschen Gericht geht es nun um die Fragen: Dürfen die das? Darf man sich in Deutschland prügeln? Und sich verprügeln lassen?

Schwere Körperverletzung oder Tötung sind auch dann verboten, wenn der Geschlagene oder Getötete mit der Behandlung einverstanden war. Doch ein bisschen Haue wird doch wohl noch erlaubt sein. Das sagt, sinngemäß, Rolf Franek, der Anwalt der Dresdner. Er verweist auf das "verfassungsmäßige Recht, mit seinem Körper zu machen, was man möchte".

Sich wehtun oder verletzen könne man auch bei anderen Beschäftigungen, sagt Franek. Leute gingen Tauchen oder Klettern, ohne dass das Gesetz eingreife. Was die Hooligans machten, sei nichts anderes als Mannschaftsboxen.

Dresden ist Spitzenreiter

Man müsse das zwar nicht schön finden, was die Hooligans machten. "Aber im Boxen oder anderen Kampfsportarten kommt es regelmäßig zu Todesfällen, das ist viel härter", sagt Franek. Er spricht von einer sehr geringen Eskalationsgefahr, auch weil die Kämpfe nie länger als zwei Minuten dauerten. In dreißig Hooligan-Kämpfen, die er ausgewertet habe, sei nur ein Mann schwer verletzt worden. Er erlitt einen Mittelgesichtsbruch.

Die Hooligans selbst verstehen sich als organisierte Extremsportler. Wie andere Sportler trainieren sie regelmäßig Angreifen und Verteidigen. Gegen Untrainierte oder Schwache wollen sie gar nicht erst kämpfen. Bei ihren "Matches" gibt es sogar Regeln.

Es treten gleich große Gruppen an, mal 10 gegen 10, mal 20 gegen 20. Keine Waffen, keine schweren Schuhe, keine Minderjährigen. Und keine Frauen, natürlich, selbst Regina Halmich dürfte nicht mitmachen. Mund- und Tiefschutz tragen einige. Wer auf dem Boden liegt, wird in Ruhe gelassen.

Jede Mannschaft bringt sogar einen Nichtkämpfenden mit, der auf "Fairplay" achtet. Das Geschehen wird gefilmt und ausgewertet. Wer gegen die Regeln verstößt, wird im Anschluss ermahnt und im Wiederholungsfall ausgeschlossen – das Prinzip der Gelben und Roten Karte. Eine Tabelle gibt es natürlich auch, die harten Jungs von Elbflorenz sind Spitzenreiter in Deutschland, wie die Szene anerkennend raunt.