Die Bayern während des Trainingslagers in Katar © Alex Grimm/Getty Images

Dieser offene Brief wurde von einem Mitglied des FC Bayern, der bei Twitter unter dem Namen agitpopblog aktiv ist, an den Vereinsvorstand versandt und getwittert. Wir veröffentlichen ihn mit Genehmigung des Autors noch einmal.

Sehr geehrte Damen und Herren,

obwohl mir der Verein, den ich seit meinem elften Lebensjahr unterstütze, weiterhin sehr viel bedeutet und mir sportlich derzeit eine Freude bereitet wie selten zuvor in meinem Leben, kann ich verschiedene Entscheidungen der Vereinsführung derzeit mit meinem Gewissen nicht vereinbaren.

Die bezieht sich vorrangig auf die Kooperation des FC Bayern München mit den Staaten Katar und Saudi-Arabien. Die inzwischen über Jahre andauernde Zusammenarbeit des Vereins mit einem Staat, der Arbeitskräfte zum Bau von Stadien in einer Form einsetzt, die von Amnesty International als "moderne Sklaverei" bezeichnet wird und dabei bereitwillig Todesfälle in Kauf nimmt, ist bereits schwer erträglich.

Dass Karl-Heinz Rummenigge, der immerhin den Verein (und damit auch mich als Mitglied) in der Öffentlichkeit vertritt, dann auch noch die Dreistigkeit besitzt, diese im aktuellen sportstudio nicht nur mit den angeblich weltbesten Trainingsbedingungen, sondern mit "Aberglauben" (!) zu rechtfertigen, empfand ich bereits als Beleidigung derjenigen, denen das Thema Menschenrechte am Herzen liegt. Dass all dies zudem ein Jahr nach der Ehrenpräsidentschaft für Kurt Landauer geschieht, einem Beschluss, der die Weltoffenheit des FC Bayern zeigen sollte und an seine Bereitschaft erinnert, auch gegen diktatorische Systeme ein Zeichen für die Menschlichkeit zu setzen, schmerzt ebenfalls. So verkommt die Ehrenpräsidentschaft zu einem Feigenblatt, das den Eindruck erweckt, dass die Vergangenheit instrumentalisiert wird, um von gewollter Ignoranz zu diesen Themen in der Gegenwart abzulenken. Besonders, da der Verein sich gegen eine offene Diskussion des Themas bisher verwehrt hat.

All dies konnte ich tolerieren in der Hoffnung, dass hinter den Kulissen daran gearbeitet werde, dass der FC Bayern 2016 nicht mehr mit Katar kooperieren würde, auch wenn unser Trainer "Markenbotschafter" des Landes sein mag.

Das Testspiel in Saudi-Arabien am heutigen Tag (Samstag, Anmerkung der Redaktion) ist leider der Tropfen, der für mich das Fass zum Überlaufen bringt. Dieses Spiel findet statt an einem Tag, an dem ein Aktivist zum zweiten Mal dafür ausgepeitscht werden sollte, dass er es gewagt hat, für religiöse Debatten und politische Freiheiten in Saudi-Arabien einzutreten, wozu er weiterhin zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde. Wie kann ein Verein, der sich offiziell für eine freie Gesellschaft und eine friedliche Welt einsetzt, dies ignorieren? Ebenfalls findet dies ein Tag nach der öffentlichen Enthauptung einer Frau in Mekka statt, die während der Enthauptung nicht einmal narkotosiert wurde, damit sich die Enthauptung für sie so schmerzvoll wie möglich gestaltet. Seit Jahresbeginn wurden damit in Saudi-Arabien bereits sieben Menschen hingerichtet.

Auch wenn der FC Bayern nicht die Politik Saudi-Arabiens und Katars bestimmt, so legitimiert er sie mit seiner Anwesenheit doch zumindest. Ich habe an meinen Verein höhere Ansprüche als den, in erster Linie Geld zu verdienen und Titel zu gewinnen. Und eine Absage des Testspiels mit Verweis auf die politische Situation in Saudi-Arabien wäre ein starkes und wichtiges Zeichen eines Vereines gewesen, der Millionen Fans auf der ganzen Welt erreichen kann. Der Verlust von Sponsorengeldern oder eventuell sogar eine schlechtere Saisonvorbereitung sind für mich in keiner Weise gegen die Vorgänge aufzurechnen, die der FC Bayern mit seiner Anwesenheit adelt. Und wenn der FC Bayern für diese Werte, die er bei der Ernennung Kurt Landauers zum Ehrenpräsidenten hochgehalten hat, nicht eintreten kann oder eintreten will, dann kann ich eine Vereinsmitgliedschaft mit meinem Gewissen nicht mehr vereinbaren.

Ich würde gerne eine Stellungnahme von Ihnen als Vorstand zu diesen Anliegen hören, die mir zeigt, dass der Verein sich seiner konkreten moralischen Verpflichtung zu diesen Themen bewusst ist und mir erklären kann, warum ich nicht fristgerecht zum 01. Juni 2015 aus dem Verein austreten sollte.

Mit freundlichen Grüßen