Frankreichs Nationalspieler Karim Benzema © Franck Fife/Getty Images

"Sind die Fußballspieler nicht voll und ganz Charlie?", fragte kürzlich die französische Sportzeitung L´Equipe. Abdelhamid El Kaoutari, Verteidiger von HSC Montpellier, weigerte sich, das beim Warm-up in allen Stadien an dem Wochenende nach den Anschlägen in Frankreich übliche Je-suis-Charlie-T-Shirt zu tragen. Er sagte, er wolle Politik und Sport nicht vermischen. Ein Spieler aus Toulouse legte die schwarze Armbinde nicht an. 

Zum Glück waren diese Spieler keine französischen Nationalspieler. Das hätte wieder eine unendliche Diskussion nach sich gezogen. Frankreichs Nationalkicker werden gerne als Spiegelbild dafür genommen, wie es um Immigration und Integration im Lande steht. Zahlreiche Spieler stammen aus Familien, die aus früheren französischen Kolonien eingewandert sind, aus Afrika und von den Antillen. Viele sind Muslime, viele lebten in den Vorstädten, den Banlieues. Die Nationalmannschaft ist black, blanc, beur (schwarz, weiß, maghrebinisch), eine Anlehnung an bleu, blanc, rouge (blau-weiß-rot), die Farben der Trikolore.

Sie ist verflixt, die Beziehung zwischen den Franzosen und ihren Bleus. Mal sind die Jungs der Stolz der Nation und Zeichen bestens gelungener Integration, mal einfach nur erbärmlich und die Verräter Frankreichs.

Einwanderung konnte so schön sein

Es war bei der WM 1998 im eigenen Land, als die Politik begann, eine Verbindung zwischen Fußball und der Immigration zu schaffen. 3:0 gegen Brasilien im Finale, ganz Frankreich tanzte und feierte seine Helden tagelang. Vor allem Zinédine Zidane, den französischen Spieler algerischer Abstammung, der im Finale zwei Kopfballtore machte. Die Mannschaft war nicht mehr blau, sie war bunt. Politiker und Medien bejubelten die Integrationswirkung dieses Multikulti-Teams. Und erstmals identifizierten sich wirklich viele Franzosen in allen Schichten mit ihrer Nationalmannschaft. Einwanderung konnte so schön, so erfolgreich sein. Das Modell Frankreich, es schien zu funktionieren.

Spätestens 2010 war die Euphorie vorbei. Vielen Fußballfans steckt immer noch die WM in Südafrika in den Knochen – das Fiasko von Knysna. Ausgelöst hatte die Affäre ein Streit zwischen dem damaligen Trainer Raymond Domenech und dem Angreifer Nicolas Anelka im Vorrundenspiel gegen Mexiko. Während der Halbzeitpause kritisierte Domenech Anelka. Anelka reagierte heftig und beleidigte den Trainer.

Team und Trainer zerstritten sich. Einige Nationalspieler – darunter auch Franck Ribéry und Patrice Evra – weigerten sich, in der südafrikanischen Ortschaft Knysna aus dem Mannschaftsbus auszusteigen und zum Training anzutreten. Die ganze Welt schaute zu, wie Nationalcoach Raymond Domenech mit einem zerstrittenen Haufen zu kämpfen hatte. An Frankreichs Stammtischen wurde über die aufständischen Spieler gewettert. Für viele waren sie Verräter der Nation und schon gar keine Kinder mehr derselben.   

"Ich fühle mich wie Charlie Coulibaly"

Erst im vergangenen Dezember sorgte Anelka erneut für Aufsehen. Damals spielte er noch in der englischen Premier League für West Bromwich Albion und feierte einen Treffer mit dem Quenelle-Gruß des umstrittenen französischen Komikers Dieudonné. Die Geste – linke Hand auf rechten ausgestreckten Arm – gilt in Frankreich als verdeckter Nazi-Gruß. Dieudonné wird momentan ein Prozess gemacht. Der mehrfach wegen antisemitischer Äußerungen verurteilte Komiker hatte "Ich bin Charlie" mit dem Namen des islamistischen Attentäters Amedy Coulibaly vermischt und geschrieben: "Ich fühle mich wie Charlie Coulibaly."  

"Es gibt eine sehr starke normative und symbolische Überladung der französischen Mannschaft", sagt Pierre Weiss, Sozialwissenschaftler an der Universität Luxemburg. "Man misst dem Sport eine Bedeutung und Wirkung bei, die er einfach nicht hat." Seit dem Jubel von 1998 sollen die Spieler Frankreich verkörpern, ihre Liebe zum Land zeigen, tadellose Sportler und Botschafter des Landes sein.