Ein Fußballfan mit einem bengalischen Feuer © Thomas Eisenhuth/picture alliance/dpa

Von wegen besinnliche Winterpause. Mehr als 300.000 Euro Strafe verhängte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) kürzlich allein innerhalb von zwei Wochen. Es traf unter anderem den FC Bayern, Eintracht Frankfurt und Union Berlin. Weil deren Fans Feuerzeuge geworfen, beleidigende Transparente hochgehalten oder Pyrotechnik abgebrannt hatten. Benehmen sich seine Anhänger daneben, zahlt der Verein. So lief das bisher.

Seit Kurzem aber ist unter den organisierten Fußballfans die neue Herangehensweise des DFB ein großes Thema: Die Vereine sollen die Strafen direkt an die Täter weitergeben. An den einzelnen Fan also, sofern der ermittelt werden kann. Nach dem Motto: Wer zündelt, soll auch zahlen.

Dieses Vorhaben hat der DFB schon im Januar 2014 in seinem bei Fans umstrittenen Sicherheitspapier formuliert, dem 9-Punkte-Plan. Dort heißt es: "Die Ermittlung der verantwortlichen Täter durch den Heim- und den Gastverein und deren Bestrafung (…) sind das primäre Ziel des sportstrafrechtlichen Handelns der DFB-Rechtsorgane." Bei einem Gastvortrag über Sportrecht an der Universität Köln zu Beginn des Jahres bekräftigte Rainer Koch, der beim DFB als Vizepräsident für Rechtsfragen zuständig ist, die Haltung seines Verbandes noch einmal und warb bei den Fans um Verständnis. "Es gibt zum täterorientierten Vorgehen keine Alternative", sagt er.

Verbandsrechtsprechung gegen Zivilgerichtsbarkeit

Die organisierten Fans sehen das natürlich anders. Und auch Juristen bezweifeln, dass der DFB-Plan vor einem ordentlichen Gericht standhält. Matthias Düllberg, Anwalt für Strafrecht, der Mandanten auch in Schadensersatzfällen vertritt, sagt: "Sollte ein Fan tatsächlich in Regress genommen werden und klagt dagegen, hat er Chancen auf Erfolg."

Dabei geht es um juristische Nuancen. Im Rahmen des Verbandsstrafrechts, in dem der DFB sich bewegt, kann er nur die Vereine der Fans belangen, die sich danebenbenommen haben. An den einzelnen Zuschauer kommt er nicht heran. Der Verein schon, weil er über den Verkauf der Eintrittskarte eine rechtliche Beziehung mit dem Zuschauer eingeht. Dieses Rechtsverhältnis ist jedoch Teil der Zivilgerichtsbarkeit. Die Frage ist also, ob die Strafe, die für einen Verein innerhalb der Verbandsrechtsprechung gefällt wurde, auch vor einem Zivilgericht für den einzelnen Fan gelten würde.  

Ja, meint der DFB. Er ist der Ansicht, dass ein Zuschauer gegen die Stadionordnung und damit gegen den Ticketvertrag verstößt, wenn er Pyrotechnik abbrennt. Seinetwegen verurteilt das DFB-Sportgericht den Verein, seinetwegen hat der Verein einen wirtschaftlichen Schaden. Dafür soll er haften. Es besteht laut DFB ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Verhalten des Zuschauers und der Verbandsstrafe. Gäbe es die Verfehlungen des Fans nicht, hätte der Verein auch keinen Schaden. Der Verein wird verurteilt, bezahlt und hofft darauf, das Geld vom Zündler einfordern zu können.

Haftung nur für tatsächlich entstandenen Schaden

Doch das ist nicht so einfach, meint Matthias Düllberg. Er interpretiert die DFB-Sanktionen als eine sogenannte verschuldensunabhängige Strafe. Egal ob der Verein schuld am Verhalten seiner Fans ist oder nicht, er zahlt die Strafe an den DFB. "Strafe setzt nach meiner Auffassung aber immer Schuld voraus", sagt Düllberg. Er argumentiert, dass es nicht Schuld der Vereine ist, wenn ihre Anhänger sich nicht benehmen. Zahlt ein Verein eine Strafe, die er nicht hätte zahlen brauchen, weil er nicht schuld ist, kann er die auch nicht an den Fan weiterleiten.

Der Verein dürfe nur einen tatsächlich entstandenen Schaden, also einen Sachschaden oder bei Verletzungen Schadenersatz, zurückfordern. Die anderen DFB-Strafen dienen nur dazu, unliebsames Fanverhalten zu bestrafen. Das sei "eine freiwillige Zahlung ohne Rechtsgrund", sagt Düllberg. Eine Scheinstrafe, für die der Verein keinen Fan in Haftung nehmen dürfe.

Komme es zum Verfahren, müsse der Betroffene aber einen wahrscheinlich langen und teuren Weg durch alle zivilrechtlichen Instanzen gehen, sagt Düllberg. Er kritisiert in seinem Blog Strafrecht am Spieltag immer wieder, dass der DFB mit seiner Rechtsprechung die Grenzen der Verbandsautonomie überschreite. Und er steht mit seiner Auffassung nicht alleine.

Wolf-Dietrich Walker, Professor für Bürgerliches Recht an der Universität Gießen, hat die gleichen Bedenken. Auch er bezweifelt, dass es rechtens ist, die Fans zivilrechtlich in Haftung zu nehmen. "In solchen Fällen muss der klagende Verein überlegen, ob er es wirklich auf ein gerichtliches Urteil ankommen lassen will", schreibt Walker in einem Aufsatz für die Fachzeitschrift Neue Juristische Wochenschrift. Walker sagt aber, er glaube nicht, dass der DFB seine Rechtsprechung ändern werde. Schließlich zahlen die Vereine die Strafen bislang. Auch, weil der DFB den Vereinen Strafmilderung in Aussicht stellt, wenn die bei "Tataufklärung und Täterermittlung" helfen.