Eike Immel bewegt sich zu den Rhythmen eines Plastikschlagers. In einem Musikvideo schwoft der ehemalige Nationaltorhüter in einem roten Cabrio, lehnt am Tresen eines Sportbistros oder massiert die Seiten eines Flipperautomaten. Die weiße Kugel hüpft über das Gesicht von Indiana Jones. Keiner da, der ihn davon abhält, sich zum Horst zu machen. Wie 2008, als Immel ins Dschungel-Camp einzog. Sind die Millionen weg und hat man außer Kicken nichts gelernt, bleibt einem als ehemaliger Fußballstar nur noch sein Image, das man ausbeuten kann. 

Immel ist zwar ein Prominenter, aber kein Einzelfall. Laut einer gemeinsamen Studie der Profifußballergewerkschaft VDV und der FH Koblenz stehen drei Viertel der Spieler in den obersten drei Ligen nach ihrer Karriere ohne "abrufbare berufliche Qualifikation" da. Für die Aussicht auf einen Profivertrag investieren junge Talente ihre Gesundheit und viel Zeit. Die fehlt, um sich für einen Beruf jenseits des Fußballs zu qualifizieren. Studium und Profifußball, das passte nicht zusammen. Bis jetzt.

Die SpVgg Greuther Fürth startete in diesem Herbst den ersten privaten Hochschulcampus eines Bundesligisten. Der Kleeblattcampus bietet Bachelor-, Master- und MBA-Studiengänge in Betriebswirtschaftslehre (BWL) mit Schwerpunkt Sport an. Der Bachelor kostet 27.900 Euro und liegt damit im oberen Preissegment. Wer keine akademische Laufbahn einschlagen will, kann für 4.900 Euro eine Weiterbildung im Sportbusiness- oder im Fußballmanagement absolvieren.

Besuch vom Weltmeister

Die Vorlesungen finden direkt im Stadion und in der Geschäftsstelle der Franken statt. Die Nicht-Sportler, die sich am Kleeblattcampus ausbilden lassen, dürfen dort studieren, wo es nach feuchtem Rasen riecht. Für die Fußballer der Spielvereinigung entfallen dadurch lange Anfahrtswege. Nach dem Training heißt es für neun Spieler der Profimannschaft von Greuther Fürth, darunter auch den Kapitän Wolfgang Hesl und Stephan Fürstner sowie zwei Eishockey-Profis der Nürnberg Ice Tigers: Sportmarketing. Sie absolvieren die Weiterbildung, die genau auf ihren Trainingsplan zugeschnitten ist.

Tobias Auer hat einen rasierten Kopf und ist Anfang 30. Er setzt bei der Spielvereinigung die Ausbildung um, die die Münchener Sportcampus GmbH für Fußballvereine wie Greuther Fürth entwickelt hat. Da er auch für die Vermarktung des Stadions verantwortlich ist, hat ihm die Idee sofort gefallen, im Stadion selbst unterrichten zu lassen. Das steht unter der Woche leer, als Bildungsstätte kann er es jetzt auch jenseits der Spiele auslasten. 

Auer rotiert auf seinem Stuhl. Ihm macht es gerade "Spassss, Spassss, Spassss". Denn Hansi Flick kommt vorbei. Der hat eigentlich einen Termin beim Fürther Präsidenten Helmut Hack. Hack hat vorgeschlagen, Flick mit den Studenten bekannt zu machen. "Das erlebst Du nicht an einer normalen Uni, dass Dich der Weltmeister spontan besucht", sagt Auer. 

Erstmal aber muss der erste Kleeblatt-Jahrgang der Bachelorstudenten mit den Grundlagen der Betriebswirtschaft Vorlieb nehmen. Der Luft im Seminarraum fehlt Sauerstoff. An den Wänden hängen schwarze Flatscreens, einer über der Sitzecke mit der Designercouch. Eine Dozentin führt die sieben Studenten durch die Theorienlandschaft der Wirtschaftswissenschaften. Auf dem Konferenz-Tisch, um den die Studenten sitzen, stehen Mineralwasserflaschen und gedruckte Namensschilder. An jedem Platz liegt ein Schreibblock mit aufgedrucktem Kleeblatt.

Was unterscheidet Aue von St. Pauli?

Unter den Bachelor-Studenten sind noch keine Fußballprofis. Dafür Abiturienten, ein Hamburger Immobilienmakler und der A-Jugendtrainer des Landesligisten Quelle Fürth, Sammy Hammami. Der Kurs diskutiert, ob Führungskräfte ihr Geschäft lieber auf Gemeinwohl oder Profit ausrichten sollen. Hammami ist skeptisch, wenn Unternehmen vorgeben, sozial zu produzieren. Als Entscheider würde er Gewinne maximieren, aber nicht auf Kosten seiner Angestellten. Hammami hat Jura studiert, weil der Schnitt für Sportökonomie nicht gereicht hat. Als er Jahre später das Angebot des Kleeblattcampus sieht, bewirbt er sich sofort. Er ist froh, sagt er, einen der wenigen Studienplätze ergattert zu haben. Sein Ziel ist es, im mittleren oder oberen Management eines Bundesligisten zu arbeiten. 

Er will dorthin, wo Michael Voigt, Geschäftsführer des Zweitligisten Erzgebirge Aue, schon ist. Der sitzt gemeinsam mit 24 Kommilitonen in der Weiterbildung Fußballmanagement nur eine Etage über Hammami und hört dem Marketing-Dozenten aufmerksam zu. Der spricht darüber, dass Vereine ihre Unique-Selling-Proposition kennen müssen, ihr Alleinstellungsmerkmal. Was unterscheidet Aue von St. Pauli? Wie kann der Verein Fans mobilisieren? 

Voigt macht sich Notizen, während rechts von ihm die Sonne ihr Licht auf den Rasen der Fürther Arena schüttet. Die Sitze der Gegentribüne funkeln grün-weiß – nur eine Glasfront trennt alle vom Fußballplatz. Warum sitzt der Geschäftsführer eines Bundesligisten in einer Marketing-Vorlesung? "Der Fußball ist so schnelllebig geworden, ich will mithalten", sagt Voigt in breitem Thüringisch. Gerade in der PR sei durch die Social Media, bei Voigt heißt es "Zoschäl Mitia", viel passiert. Obwohl er nur wenig Zeit habe, bereue er keine Stunde. Einmal im Monat reist er zu den Blockseminaren nach Fürth und büffelt Sportkommunikation, -ökonomie, -marketing und -eventmanagement.