ZEIT ONLINE: Vor einem Jahr wagte Thomas Hitzlsperger sein Coming-out. Haben sich die Bedingungen für weitere Bekenntnisse prominenter Sportler seitdem verbessert? 

Marcus Urban: Was die Sensibilisierung der Gesellschaft angeht, ja. Aber was die Strukturen betrifft, ist es nicht leichter geworden. Es ist noch viel Aufklärungs- und Bildungsarbeit nötig. In Sportvereinen und Sportverbänden, aber auch an Schulen.

ZEIT ONLINE: Sie hatten 2014 mit weiteren prominenten Coming-outs gerechnet. Haben Sie die Signalwirkung durch Hitzlsperger überschätzt?

Urban: Meine Hoffnung hat sich leider nicht erfüllt. Es braucht alles seine Zeit, aber ich bleibe optimistisch. Mit dem Schwimmer Ian Thorpe oder dem US-Footballspieler Michael Sam gab es weltweit einige positive Beispiele. Was mich besorgt: Diese Sportler kommen alle aus westlichen Demokratien, aber was ist mit den ganzen anderen Ländern?

ZEIT ONLINE: Ist es überhaupt wichtig, dass sich weitere prominente Spieler outen? Immerhin können Homosexuelle in Deutschland so frei leben wie nie zuvor.

Urban: Natürlich ist einiges erreicht worden. Aber in Teilen Deutschlands können homosexuelle Männer und Frauen nach wie vor nicht offen ihre Liebe zeigen, ohne Beschimpfungen oder Schlimmeres befürchten zu müssen. Außerdem kenne ich aus allen Schichten und Berufsgruppen Menschen, die ihre Sexualität verbergen – auch Künstler oder Schauspieler. Daher ist jedes Signal wichtig, dass von einem Prominenten ausgeht. Es existiert noch immer eine Kultur der Angst.

ZEIT ONLINE: Anhand der Pegida-Bewegung wollen manche einen generellen Anstieg von Ressentiments ausmachen. Teilen Sie diese Sorgen?

Urban: An Pegida sieht man, dass der Aufklärungsbedarf groß ist. Trotzdem denke ich, dass es heute weniger Vorurteile gegenüber Homosexuellen gibt als vor 30 Jahren. Nur können sich die Menschen nun leichter austauschen und äußern, etwa in den sozialen Medien, und es wird mehr über Hass und Vorurteile berichtet. Zudem leben 2015 mehr Menschen offen homosexuell als früher, das erhöht das Konfliktpotenzial. 

ZEIT ONLINE: Wie können die Spannungen abgebaut werden?

Urban: Bewegungen wie Pegida sind ein Indikator versäumter Bildungsarbeit. Fremdenfeindlichkeit ist inakzeptabel, aber ein Teil dieser Leute hat Ängste und Befürchtungen. Da gilt es ganz genau hinzuhören. Gegen Versuche, das gesellschaftliche Klima zu vergiften, hilft letztlich nur ein Mix aus Trotz und Aufklärung, die Förderung von vielfältigen Lebensweisen und die Erziehung zur Toleranz. Das muss in der Schule anfangen und in Sportvereinen und -verbänden weitergehen.

ZEIT ONLINE: Ermutigende Worte gab es vom Deutschen Fußball-Bund vor einem Jahr viele. Ist auch etwas Konkretes geschehen?

Urban: Wohlwollende Worte vom DFB sind wir gewöhnt. Nur wo sind die Taten? Gegen die Bekämpfung von Homophobie hat der Verband neben einer Broschüre, an der ich mitgearbeitet habe, und einer Tagung in den vergangenen Jahren wenig Zählbares unternommen. Im Sinne der sozialen Verantwortung gegenüber seinen Tausenden homosexuellen Mitgliedern ist das mehr als dürftig. Etwas stimmt nicht, wenn sich im Sport so wenige offen zeigen können.

ZEIT ONLINE: Wie läuft zurzeit die Zusammenarbeit mit dem DFB?

Urban: Der Kontakt ist im Sommer 2013 abgerissen. Es passiert nichts mehr. Dabei wäre es immens wichtig, das Thema Homophobie in die Trainerausbildung zu integrieren, um nur einen Aspekt zu benennen. Deutschland ist zwar Fußball-Weltmeister, aber längst nicht Fußballkultur-Weltmeister. Das betrifft übrigens andere Sportarten genauso. Ich biete den Landessportbünden auch in Ostdeutschland an, sie in der Arbeit für Toleranz und Vielfaltsförderung zu unterstützen.

ZEIT ONLINE: Sie planen mit ihrem Verein für Vielfalt in Sport und Gesellschaft ein gemeinsames Coming-out aktiver und ehemaliger Bundesligaprofis. Bisher sind zwei von elf Plätzen des Team Vielfalt vergeben. Wann wird das Spiel stattfinden?

Urban: Das ist schwer zu sagen, es gibt keinen Zeitdruck. Ich versuche, Kontakt zu den Profis aufzunehmen. Mehr möchte ich gegenwärtig nicht preisgeben.