Tanzende und singende Kinder gehen natürlich immer, allein schon aus Gründen der Niedlichkeit. Und nach deren Auftritt werfen zwei Katarer in Dischdascha öffentlichkeitswirksam ein paar Siebenmeter. Dabei vermitteln die beiden Herren in ihren traditionellen Gewändern nicht den Eindruck, als hätten sie dieses seltsame Ding namens Handball schon einmal in den Händen gehalten. Für Freunde des Effekts haben die Organisatoren der Weltmeisterschaft außerdem Armbändchen auf jedem Platz verteilen lassen, die bei der Vorstellung der Teilnehmer in den jeweiligen Nationalfarben blinken.

90 Minuten und Dutzende Einlagen später richtet schließlich Scheich Tamim bin Hamad al Thani das Wort an die internationalen Gäste und sein Volk. Obwohl es der katarische Emir nicht für nötig erachtet, sich aus seinem majestätischen Stuhl zu erheben, wird es bei seiner Ansprache zum zweiten Mal an diesem Abend richtig laut in der Lusail-Mehrzweckhalle. Zuvor hat bereits Joaan bin Hamad al Thani, der Bruder des Emirs und Chef des WM-Organisationskomitees, ein paar Sätze ins Mikrofon gesprochen. Ehre, wem Ehre gebührt.

Die am Donnerstag eröffnete Handball-Weltmeisterschaft ist nicht das erste sportliche Großevent, mit dem die katarische Herrscherfamilie den Ruhm und das Ansehen des pro Kopf reichsten Landes der Welt zu mehren versucht – und es wird auch nicht das letzte bleiben. Angefangen hat alles mit der Ausrichtung der Asienspiele 2006 in Doha. Es folgten 2011 die Asienmeisterschaft im Fußball und im Dezember 2014 die Kurzbahn-WM im Schwimmen. 

Die Säulen Katars

Der Terminkalender für die nächsten Jahre ist schon jetzt so vollgepackt wie in keinem anderen Staat. 2016 findet die WM im Straßenradsport statt, 2018 ermitteln die Turner in dem Emirat am Persischen Golf ihre Sieger, 2019 schauen die weltbesten Leichtathleten vorbei und 2022 steigt schließlich die Fußball-WM. Darüber hinaus haben sich in der Hauptstadt Doha zahlreiche Wettkämpfe etabliert, die sich Jahr für Jahr wiederholen: die Qatar Open zum Beispiel, ein hoch dotiertes Tennisturnier. Oder das Qatar Masters, ein Golfturnier der europäischen PGA-Tour, das am nächsten Mittwoch beginnt. Oder. Oder. Oder.

Die Handball-WM ist der nächste Probelauf für das, was noch kommt und womöglich noch kommen wird. Im Grunde denken die Entscheidungsträger nämlich schon einen Schritt weiter: Als Emir Hamad bin Chalifa al Thani vor eineinhalb Jahren von seinem Amt zurücktrat und an seinen Sohn Tamim bin Hamad al Thani übergab, betraute er diesen mit einer großen Aufgabe: der sogenannten "Vision 2030".

Unter dem Titel "Pillars of Qatar" (die Säulen Katars) soll sich das Land bis 2030 in allen bedeutsamen Bereichen verbessern und idealerweise weltweit führend sein: ökonomisch, ökologisch, gesellschaftlich. Perspektivisches Ziel nach der Fußball-WM bleibt die Austragung Olympischer Spiele. Für 2016 und 2020 hat Doha bereits um die Sommerspiele gebuhlt. Allerdings wurde die Stadt "aus technischen Gründen" nicht vom Internationalen Olympischen Komitee in den Kandidatenkreis erhoben – weil die Temperaturen für Athleten und Zuschauern in den Sommermonaten schlichtweg unzumutbar sind. Dann steigt das Thermometer auch mal weit über 50 Grad Celsius und in klimatisierten Häusern beschlagen die Fensterscheiben von außen.

All diese Hindernisse, gepaart mit fehlender Tradition in den meisten Sportarten, haben bereits für reichlich Unmut bei den Mitbewerbern Katars gesorgt. In der höchsten Handball-Liga des Landes spielen zum Beispiel gerade einmal vier Mannschaften – trotzdem erhielt der Golfstaat vom Weltverband IHF den Zuschlag für das Turnier. Norwegen, Polen und Frankreich, allesamt Länder mit großer Handball-Tradition und starken Nationalmannschaften, gingen leer aus.

"Das Einzige, was die haben, ist Geld"

Der öffentliche Aufschrei war allerdings nicht ansatzweise so groß wie bei der Doppelvergabe der Fußball-WM vor gut vier Jahren. Katar erhielt das Turnier 2022 zugesprochen, der älteste Fußballverband der Welt, die englische FA, bewarb sich vergeblich für 2018. Seitdem sind sie auf der Insel gar nicht mehr gut zu sprechen auf den Weltverband Fifa und auf Katar. Und nicht nur da.

Immer wieder werden Vorwürfe laut, die Herrscherfamilie habe mit ihren durch Öl- und Erdgasgeschäfte erworbenen Milliarden kräftig bei den Abstimmungsverfahren nachgeholfen. "Das Einzige, was die haben, ist Geld", schimpfte Spaniens Leichtathletik-Verbandschef Jose Maria Odriozola nach der Entscheidung gegen Spanien und für Katar. "Ich bin angepisst. Ich denke nicht daran, dorthin zu fahren."

So oder so ähnlich hört sich das auch bei deutschen Sportfunktionären an. In seiner Funktion als Präsident der Europäischen Fußballklub-Vereinigung ECA kritisierte etwa Karl-Heinz Rummenigge die WM-Vergabe 2022 und forderte ein Mitspracherecht der großen europäischen Clubs ein. Wenig später später ließ sich der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern München bei einer Sicherheitskontrolle am Flughafen mit zwei unverzollten Luxusuhren erwischen, die er von einer Dienstreise aus Katar mitgebracht hatte. Das brachte ihm eine Geldstrafe in Höhe von 250.000 Euro ein.

Der Fall Rummenigge illustriert das Dilemma, in dem sich große Teile der Sportwelt befinden. Einerseits machen die Beteiligten kein großes Geheimnis aus ihren überschaubaren Sympathiewerten für den Wüstenstaat. Und dessen Ruf, der nicht erst gelitten hat seit dem Tod zahlreicher Gastarbeiter auf den Baustellen – rein zufällig enthüllt von britischen Journalisten.