Jürgen Klopp im BVB-Trainingslager in La Manga, Spanien © Johannes Simon/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Eilenberger, Borussia Dortmund ist Vorletzter, was sagt der Philosoph?

Wolfram Eilenberger: Er tritt einen Schritt zurück und stellt fest: Dortmund ist eine Anomalie der Liga, kein Verein hängt derart stark von seinem Trainer ab wie die Borussia. Aus der totalen Identifikation, die Jürgen Klopp einfordert, ist über die Jahre die faktische Identität geworden: Dortmund ist Klopp, Klopp ist Dortmund. Dies hätten die Verantwortlichen nie zulassen dürfen. Das ist bei einem Verein dieser Größe ein schwerer Managementfehler.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Eilenberger: Gefordert ist in der Krise eine offene Analyse. Genau die ist in Dortmund unmöglich, denn der Trainer ist als Krisengrund tabuisiert. Wenn man nach mehr als 60 Millionen Transferausgaben mit dem zweit- oder dritthöchsten Liga-Etat auf Platz 17 liegt, mehr als 20 Punkte hinter dem Spitzenreiter, dann ist dieses Tabu aber eine Absurdität.

ZEIT ONLINE: Kritik trägt man nun mal nicht nach außen. Ist doch gut, wenn der Verein auch in schweren Zeiten zusammensteht.

Eilenberger: Die äußere Zensur ist in Dortmund meinem Eindruck nach aber auch zu einer inneren geworden, zum Denkverbot. Dortmund, wie es sich in der späten Vorrunde zeigte, war kein Verein mehr, sondern eine Sekte. Und zwar mit allen klassischen Attributen: Artikulationsverbote, totale Gemeinschaftssuggestion, unbedingter Erlöserglaube.

ZEIT ONLINE: Sind nicht alle Fußballvereine irgendwie Sekten?

Eilenberger: Nicht in dieser Ausprägung. Ich habe mit vielen Dortmunder Fans gesprochen, der Tenor ist: Wir können uns den Verein ohne Klopp nicht vorstellen. Dortmund fühlt sich von Klopp mindestens so abhängig wie ehemals Apple von Steve Jobs oder Microsoft von Bill Gates. Das ist von Klopp so gewollt, aber auch vom Verein so zugelassen – bis zu dem Punkt, an dem man offenbar lieber mit Klopp untergehen würde, als sich ohne Klopp zu retten. Vergessen wir dabei nicht: Borussia Dortmund ist rechtlich eine Aktiengesellschaft und als solche vorrangig seinen Aktionären verpflichtet.

ZEIT ONLINE: Klopp hat den Verein wieder hoch geführt und dank seiner Erfolge einen großen Bonus.

Eilenberger: Das ist die Beschreibung des Problems, nicht seine Lösung. Klopps Erklärungen halten einer Prüfung jedenfalls nicht stand. Er beklagt die vielen Verletzten, doch traf es Dortmund nicht härter als Schalke oder Bayern. Oder nehmen Sie den angeblichen WM-Kater, den Dortmunder gerne als Ursache anführen. Kein europäisches Spitzenteam hat so wenig unter der WM gelitten wie Dortmund. Hört man Klopp zu, war die schlechte Hinrunde eine Art biblischer Schicksalsschlag, letztlich unerklärlich, mythisch. Klar, wenn der Trainer nicht schuld sein darf, bleibt nichts übrig, als die Sphäre des Irrationalen zu mobilisieren. Das ist Romantik – und zwar der schlechten Art.

ZEIT ONLINE: Es ist lobenswert, wenn Vereine nicht nach der Hire-and-Fire-Methode handeln. Warum sollte Klopp nicht aus der Krise gestärkt hervorgehen?

Eilenberger: Offenbar ist seine Gestaltungskraft verbraucht. Er ist nun im siebten Jahr in Dortmund. Seit drei Jahren ist keine grundlegende Entwicklung der Spielidee mehr erkennbar. Die beiden vorigen Saisons endeten mit 20 Punkten und mehr Rückstand auf die Bayern. Dieses Jahr werden es wohl mehr als 30 sein. Das ist der Punkt, an dem man sich als abgehängt erkennen muss. Natürlich kann man sich auch weiterhin als Underdog stilisieren und gegen den Rest der Welt anrennen. Aber das bedeutet nichts anderes als den Willen zu jahrelanger Stagnation. Und im Fußball gibt es keine Stagnation, die nicht immer auch Atrophie, also Auszehrung, wäre. Klopps Narrativ ist erschöpft.

ZEIT ONLINE: Zählen auf dem Platz Narrative?

Eilenberger: Aber ja, wenn sie als Selbstbeschreibungen in taktische Konzepte übersetzt werden. Klopp spielt reaktiv-aggressiven Fußball, setzt auf maximale Intensität und Balleroberungen als Schlüsselereignisse. Das mag gegen Madrid oder Bayern einleuchten, aber nicht gegen die sechzehn anderen der Bundesliga.

ZEIT ONLINE: In der Champions League wurde er Gruppensieger.

Eilenberger: Vor allem dank einer glücklichen Auslosung. Gegner waren – taktisch gesehen – zwei Kindermannschaften, Galatasaray und Anderlecht. Dann Arsenal mit Arsène Wenger, einem anderen Stagnationstrainer. Zu ihm komme ich später.

ZEIT ONLINE: Welche Fehler macht Klopp auf dem Platz?

Eilenberger: Klopp macht entwicklungsfähige Spieler ohne Zweifel besser. Ob er aber Weltklassespielern die letzten fünf Prozent an Perfektibilität eröffnen kann, so wie Pep Guardiola es beispielsweise mit Arjen Robben oder Philipp Lahm getan hat? Ich glaube nicht. Damit wäre Klopp ein perspektivisches Problem für den BVB.