ZEIT ONLINE: Herr Eilenberger, Borussia Dortmund ist Vorletzter, was sagt der Philosoph?

Wolfram Eilenberger: Er tritt einen Schritt zurück und stellt fest: Dortmund ist eine Anomalie der Liga, kein Verein hängt derart stark von seinem Trainer ab wie die Borussia. Aus der totalen Identifikation, die Jürgen Klopp einfordert, ist über die Jahre die faktische Identität geworden: Dortmund ist Klopp, Klopp ist Dortmund. Dies hätten die Verantwortlichen nie zulassen dürfen. Das ist bei einem Verein dieser Größe ein schwerer Managementfehler.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Eilenberger: Gefordert ist in der Krise eine offene Analyse. Genau die ist in Dortmund unmöglich, denn der Trainer ist als Krisengrund tabuisiert. Wenn man nach mehr als 60 Millionen Transferausgaben mit dem zweit- oder dritthöchsten Liga-Etat auf Platz 17 liegt, mehr als 20 Punkte hinter dem Spitzenreiter, dann ist dieses Tabu aber eine Absurdität.

ZEIT ONLINE: Kritik trägt man nun mal nicht nach außen. Ist doch gut, wenn der Verein auch in schweren Zeiten zusammensteht.

Eilenberger: Die äußere Zensur ist in Dortmund meinem Eindruck nach aber auch zu einer inneren geworden, zum Denkverbot. Dortmund, wie es sich in der späten Vorrunde zeigte, war kein Verein mehr, sondern eine Sekte. Und zwar mit allen klassischen Attributen: Artikulationsverbote, totale Gemeinschaftssuggestion, unbedingter Erlöserglaube.

ZEIT ONLINE: Sind nicht alle Fußballvereine irgendwie Sekten?

Eilenberger: Nicht in dieser Ausprägung. Ich habe mit vielen Dortmunder Fans gesprochen, der Tenor ist: Wir können uns den Verein ohne Klopp nicht vorstellen. Dortmund fühlt sich von Klopp mindestens so abhängig wie ehemals Apple von Steve Jobs oder Microsoft von Bill Gates. Das ist von Klopp so gewollt, aber auch vom Verein so zugelassen – bis zu dem Punkt, an dem man offenbar lieber mit Klopp untergehen würde, als sich ohne Klopp zu retten. Vergessen wir dabei nicht: Borussia Dortmund ist rechtlich eine Aktiengesellschaft und als solche vorrangig seinen Aktionären verpflichtet.

ZEIT ONLINE: Klopp hat den Verein wieder hoch geführt und dank seiner Erfolge einen großen Bonus.

Eilenberger: Das ist die Beschreibung des Problems, nicht seine Lösung. Klopps Erklärungen halten einer Prüfung jedenfalls nicht stand. Er beklagt die vielen Verletzten, doch traf es Dortmund nicht härter als Schalke oder Bayern. Oder nehmen Sie den angeblichen WM-Kater, den Dortmunder gerne als Ursache anführen. Kein europäisches Spitzenteam hat so wenig unter der WM gelitten wie Dortmund. Hört man Klopp zu, war die schlechte Hinrunde eine Art biblischer Schicksalsschlag, letztlich unerklärlich, mythisch. Klar, wenn der Trainer nicht schuld sein darf, bleibt nichts übrig, als die Sphäre des Irrationalen zu mobilisieren. Das ist Romantik – und zwar der schlechten Art.

ZEIT ONLINE: Es ist lobenswert, wenn Vereine nicht nach der Hire-and-Fire-Methode handeln. Warum sollte Klopp nicht aus der Krise gestärkt hervorgehen?

Eilenberger: Offenbar ist seine Gestaltungskraft verbraucht. Er ist nun im siebten Jahr in Dortmund. Seit drei Jahren ist keine grundlegende Entwicklung der Spielidee mehr erkennbar. Die beiden vorigen Saisons endeten mit 20 Punkten und mehr Rückstand auf die Bayern. Dieses Jahr werden es wohl mehr als 30 sein. Das ist der Punkt, an dem man sich als abgehängt erkennen muss. Natürlich kann man sich auch weiterhin als Underdog stilisieren und gegen den Rest der Welt anrennen. Aber das bedeutet nichts anderes als den Willen zu jahrelanger Stagnation. Und im Fußball gibt es keine Stagnation, die nicht immer auch Atrophie, also Auszehrung, wäre. Klopps Narrativ ist erschöpft.

ZEIT ONLINE: Zählen auf dem Platz Narrative?

Eilenberger: Aber ja, wenn sie als Selbstbeschreibungen in taktische Konzepte übersetzt werden. Klopp spielt reaktiv-aggressiven Fußball, setzt auf maximale Intensität und Balleroberungen als Schlüsselereignisse. Das mag gegen Madrid oder Bayern einleuchten, aber nicht gegen die sechzehn anderen der Bundesliga.

ZEIT ONLINE: In der Champions League wurde er Gruppensieger.

Eilenberger: Vor allem dank einer glücklichen Auslosung. Gegner waren – taktisch gesehen – zwei Kindermannschaften, Galatasaray und Anderlecht. Dann Arsenal mit Arsène Wenger, einem anderen Stagnationstrainer. Zu ihm komme ich später.

ZEIT ONLINE: Welche Fehler macht Klopp auf dem Platz?

Eilenberger: Klopp macht entwicklungsfähige Spieler ohne Zweifel besser. Ob er aber Weltklassespielern die letzten fünf Prozent an Perfektibilität eröffnen kann, so wie Pep Guardiola es beispielsweise mit Arjen Robben oder Philipp Lahm getan hat? Ich glaube nicht. Damit wäre Klopp ein perspektivisches Problem für den BVB.

"Kagawa und Şahin waren reine Nostalgietransfers"

ZEIT ONLINE: Mario Götze soll tatsächlich aus dem Grund nach München gewechselt sein, weil Klopp zu wenig Angreifen und zu viel Verteidigen trainiere. Ist er einseitig?

Eilenberger: Nach dem Spiel hört man Klopp rituell wiederholen: "Wir sind viel gelaufen, haben einen irren Aufwand betrieben." Darin scheint er nach wie vor den Erfolgsfaktor zu erkennen. Doch was spricht dafür? Bayern läuft dieses Jahr weniger als im Vorjahr. Die Frage lautet auf diesem Niveau: Wie stabilisiert man eine Mannschaft bei hoher Spielbelastung, ohne die Spieler auszulaugen? In Dortmund regiert weiterhin der Wille zum totalen Intensitätsüberschuss. Und nach der Niederlage feiern die Fans ihre Mannschaft in der Kurve, nach dem Motto: Ihr habt gespielt, wie unser Kloppo das verlangt.

ZEIT ONLINE: Das ist doch schön, das macht Dortmund so besonders.

Eilenberger: Kein Zweifel, in besagten Momenten fühlt sich das sogar gut an. Andererseits: Wenn das Pferd tot ist, muss man absteigen. Man sieht vor dem geistigen Auge ja förmlich vor sich, wie Dortmund am Ende der Saison, sagen wir, Achter geworden sein wird, und Jürgen Klopp auf dem Rasen mit Pöhler-Kappe das proletarische Hochamt feiert. Grenzenloser Jubel, der Trainer hat uns gerettet! Grotesk. So was würden sich Bayern oder Schalke nie zumuten.

ZEIT ONLINE: Fehlt Klopp der Blick für Qualität? Der Ersatzspieler Matthias Ginter war ihm 10 Millionen Euro wert. Mario Mandžukić soll er dagegen abgelehnt haben.

Eilenberger: Oder nehmen wir Erik Durm. Dortmund benötigt ihn, um zu kommunizieren: Wir können jemanden zum Nationalspieler machen. Doch zeigt Durm eine sehr hohe Fehlerquote, insbesondere beim ersten Pass ins Zentrum. Shinji Kagawa und Nuri Şahin waren zwei reine Nostalgietransfers. Von ihnen wusste Klopp vor allem eins: Mit denen habe ich keine Probleme. Weitergebracht haben sie die Mannschaft nicht.

ZEIT ONLINE: Wollen Sie daher sogar eher fragen: Warum hat es eine Zeitlang so gut geklappt, wie konnte Klopp zweimal Meister werden?

Eilenberger: Als er anfing, fand er einen schwer traumatisierten Verein vor, und zwar einen mit unglaublichem, auch wirtschaftlichem Potenzial. Klopp war die perfekte Wahl für die Phase des Aufstiegs in die Spitze. Er hat mit seinem Vollgasfußball die gesamte Liga taktisch erzogen, auch die Bayern. Die Bundesliga ist durch ihn besser geworden. Das bleibt sein Verdienst. Die anderen haben mittlerweile dazugelernt, Klopp jedoch stagniert. Das Potenzial von Klopp als Trainer scheint mir ausgeschöpft, das von Dortmund als Club keinesfalls.

ZEIT ONLINE: Falls Klopp bleibt – was wäre denn der Best Case für Dortmund?

Eilenberger: Die Wengerisierung des BVB. Arsène Wenger wurde in London lange verehrt, dann akzeptiert, später war er ungeliebt, mittlerweile ist er still verhasst – mit dem Status der Unkündbarkeit. Mit ihm ist Arsenal schon lange nicht mehr titelfähig. Man sollte sich in Dortmund fragen: Wollen wir das wirklich?

ZEIT ONLINE: Arsenal kommt immerhin immer in die Champions League.

Eilenberger: Stimmt, und Wenger stand mit Arsenal nie auf Platz 17. Als Fußballfan habe ich einen Revitalisierungstraum: Klopp zu Arsenal, Wenger zum BVB! Beiden Trainern könnte das aus der Sackgasse helfen, beiden Vereinen einen Schub verleihen. Taktisch würden dabei gewiss interessante, neue Hybride entstehen. Aber es wird wohl ein Traum bleiben. Wahrscheinlicher ist, dass Klopp zum kommenden Jahr das Projekt Totalerneuerung ausrufen wird. Dann ist er wieder Underdog, ganz in seinem Element. Und die von ihm zu verantwortenden Erosionen und Abgänge werden ihn sogar noch stärken. Echte Liebe halt.

ZEIT ONLINE: Dabei ist die Lage gar nicht so schlecht. Bayern ist dem BVB zwar taktisch und finanziell meilenweit voraus, aber der Verein steht vor einem Umbruch. Pep Guardiola wird nicht ewig bleiben. Uli Hoeneß ist womöglich geschwächt, und es gibt keinen, der seine Rolle ausfüllen könnte. Die wichtigsten Spieler Lahm, Robben und Ribéry müssen bald ersetzt werden.

Eilenberger: Alle sehen nur den großen Vorsprung, die Unantastbarkeit. Doch in Wahrheit ist Bayern absehbar in einer sehr schwierigen, angreifbaren Situation. Der BVB hätte die Möglichkeiten, ihn einzuholen, ihn zu überholen. Er hat Geld, Fans, einen starken Kader. Doch mit diesem Trainer wird er die Bayern wohl ziehen lassen.