Diego Simeone macht nach dem gewonnenen spanischen Supercup ein Selfie. © Gerard Julien/Getty Images

"Er brauchte nur eine Umarmung." So simpel war die Erklärung von Diego Simeone, als Fernando Torres im Januar seine Rückkehr zu Atlético Madrid feierte, mit zwei Treffern gegen den Stadtrivalen Real. Simeone, Atléticos Trainer, ist eine Art spanischer Jürgen Klopp. Sein Spieler Tiago sagte einst über den Argentinier: "Für uns, für alle im Club ist Simeone ein Gott. Würde er uns bitten von einer Brücke zu springen, wir würden es tun."

Der argentinische Trainer gilt als Menschenfänger, der den Spielermüttern schon mal auf einer Pressekonferenz für die "Cojones" dankt, die sie seinen tapferen Schützlingen mitgegeben haben, um sich gegen teure Superstar-Truppen zur Wehr zu setzen. Zuletzt gewann Atlético 4:0 das Derby gegen Real. Atlético, die in der spanischen Hauptstadt stets als der andere Club angesehen werden, als Mannschaft der einfachen Leute, die Ungalaktischen quasi, die trotzdem spanischer Meister werden wie im vergangenen Jahr. Das ist zumindest das Narrativ und Simeone der Erzähler.

El Cholo nennen sie ihn in Spanien, den Mestizen, die argentinische Mischung aus einem Weißen und einem Eingeborenen. Simeones Sätze werden Cholismo genannt. Das Wort stand vor zwei Jahren auf der Liste für das spanische Wort des Jahres. Es bedeutet: sich aufopfern, hart arbeiten, täglich ums Überleben kämpfen und Erfolg haben.

Grätschen und Provokationen

Im vergangenen Jahr schafften sie es bis ins Champions-League-Finale gegen den Stadtrivalen. Es ging verloren, denkbar unglücklich. Ein Tor von Real-Verteidiger Sergio Ramos in der letzten Minute der regulären Spielzeit riss den Henkelpott noch aus den Händen Atléticos. In der Verlängerung fehlten die Kräfte, am Ende hieß es 4:1. Nach dem dritten Gegentreffer lief Simeone in Richtung der eigenen Fankurve und applaudierte den Anhängern. Wenige Augenblicke später geriet er mit dem gegnerischen Abwehrspieler Raphaël Varane in eine handfeste Auseinandersetzung.

Das ist die andere Seite des charismatischen Trainers. Bereits als Spieler überschritt der Argentinier mit Grätschen und Provokationen die Grenzen des guten Geschmacks. Über sich selbst sagt Simeone, dass er lediglich ein mittelmäßiger Fußballer war. Doch mit über 100 Länderspielen, einem Uefa-Pokal-Sieg mit Inter Mailand und dem Double mit Atlético Madrid erreichte er laut eigener Aussage das Maximum in seiner Spielerkarriere. Leidenschaft führt er als wichtigstes Merkmal für seine Erfolge an. Dies gilt bis heute.

Hinter der Straßenköter-Fassade steckt ein taktisches Genie

Diese Passion aber schlägt um, wenn Simeone den vierten Offiziellen tätlich angreift, wie beim spanischen Supercup in dieser Saison. Manchmal überträgt sich das auf seine Spieler. Der Flügelstürmer Arda Turan warf vor einigen Wochen im Pokalspiel gegen Barcelona seinen Schuh in Richtung des Linienrichters, weil dieser nicht zu seinen Gunsten entschied. Das Image des Raubeins hängt dem Verein und seinem Trainer bisweilen an. Allerdings versteckt sich hinter der Straßenköter-Fassade ein taktisches Genie, das eine Mannschaft in der Spitze des spanischen und europäischen Fußballs etabliert hat.

Simeone hat bei Atlético Madrid nicht die finanziellen Möglichkeiten der Konkurrenz. Der Verein schleppt noch immer Altlasten mit sich herum. Transfereinnahmen fließen wegen Schulden zuweilen nicht komplett in die eigenen Kassen. Der Kader ist zudem mit einigen Fußballern besetzt, die erst unter dem argentinischen Trainer ihr ganzes Leistungsvermögen ausschöpften. Der Kapitän Gabi beispielsweise, auf dem Rasen Simeones verlängerter Arm, stammt aus der Jugendabteilung der Rojiblancos. Der 31-Jährige war lange Zeit nur Mitläufer, zwischenzeitlich sogar für vier Jahre nach Saragossa abgewandert. Mittlerweile ist Gabi als wichtiger Taktgeber jedoch nicht mehr wegzudenken und Dreh- und Angelpunkt in Atléticos 4-4-2-System, das der Taktiker Simeone bis an den Rand der Perfektion ausgefeilt hat.