Carlsens Angstgegner? Arkadij Naiditsch, Deutschlands Nummer 1 © Georgios Souleidis/Grenke Chess Classic

Mit einem Schachturnier ist es wie mit einer Party: Man kann auf die Einladung, die Gäste und die Location viel Liebe verwenden, aber ob richtig Stimmung aufkommt und es kein Halten mehr gibt, das sieht man erst, wenn es soweit ist. Eine Garantie sich zu vergnügen gibt es leider nicht.

Umso schöner, wenn es geschieht. Und am schönsten, wenn es auf unerwartete Weise geschieht. Die Ausrichter des starken Grenke-Chess-Classic-Turniers in Baden-Baden hatten am Mittwoch dieses Glück. Am dritten Spieltag von insgesamt sieben traf der beste deutsche Spieler, Arkadij Naiditsch, auf den Weltmeister Magnus Carlsen.

Der Weltmeister hatte etwas gutzumachen. Ihren letzten Kampf vor einem halben Jahr während der Schacholympiade in Tromsø hatte Carlsen verloren. "Es war eine Sensation",  schrieb der Hamburger Schachinformationsdienst Chessbase damals, denn Carlsen verliert kaum eine langsame Partie. Seit seit seiner Niederlage gegen Naiditsch ist es nur zweimal geschehen: gegen Anand bei der WM im November und gegen Anands Sekundanten Wojtaszek beim Tata Steel Turnier von Wijk aan Zee im Januar.

Dem wollte er es mal zeigen. Bürschchen!

Carlsen war also gewarnt und motiviert. Vielleicht zu motiviert? Im zehnten Zug schlug er als Schwarzer, noch mitten in der verwickelten Eröffnungsphase, einen Naiditschen Bauern mit seinem Damenläufer. Der Bauer war gedeckt. Naidisch schlug den Läufer mit einem Bauern, Carlsen den Bauern wiederum mit einem Springer. Nach diesem von niemandem vorhergesehenen Schlagabtausch hatte Naiditsch einen Läufer mehr und zwei Bauern weniger – ein materielles Plus, das ihm zum Sieg genügen würde, wenn er denn das Endspiel erreicht.

Das war allerdings die Frage. Carlsen kam durch das Opfer zu einer schnellen Entwicklung der Offiziere. Sein König stand sicher in der Ecke, der seines Gegners mitten auf dem Brett ohne guten Zufluchtsort. Was würde den Ausschlag gegen? Das Mehr an Material oder die dynamische Kompensation – die englischsprachigen Kommentatoren im Netz hatten food for thought, und das Publikum am Ort saß wie festgeschraubt. 

Natürlich war der Läuferzug eine Frechheit. Früher hätte man gesagt: Für die Galerie gespielt. Die Zuschauer sollen ja auch was erleben! Aber Carlsen hat den Zug wohl auch ganz persönlich für Naiditsch gespielt: Dem wollte er es mal zeigen. Bürschchen!

Arkadij Naiditsch ist ein interessanter Charakter. Der aus Riga zugewanderte und über Dortmund nach Baden-Baden gezogene 29-jährige ist ein bulliger Typ, kein Spieler, der es auf dem Brett krachen lässt und jenseits davon ganz nett ist. Sein Selbstbewusstsein übersteigt gelegentlich sein Können. Er traut sich was und muss dafür immer wieder einstecken. Vor Jahren hat er sich mit dem verschlafenen Deutschen Schachbund angelegt, der endlich aufhören solle, Schach als Randsportart zu begreifen. Prompt flog er aus dem Nationalkader. Inzwischen haben sich die Wogen geglättet, weil kein Land gern auf seinen besten Spieler verzichtet. Naiditsch ist wieder da, und der Schachbund schnarcht weiter.

Sechs Stunden Auf und Ab

Auch nach seinem Sieg gegen Carlsen im August war Naiditsch nicht durch Demutsgesten hervorgetreten. Er fand das Ergebnis ganz in Ordnung. "Schach ist ein sehr kompliziertes Spiel", sagte er der FAZ in einem Interview. "Carlsen hat mich vielleicht unterschätzt. Er stand am Anfang besser, dann habe ich die Partie drehen können und auf Sieg gespielt. Carlsen hat das verunsichert, ich persönlich habe ihn in Tromsø das erste Mal überhaupt nervös gesehen, dann hat er Fehler gemacht."

Nachdem Carlsen am Mittwoch in Baden-Baden den Läufer geopfert hatte, dachte Naiditsch nicht daran, sich  irgendwie mattsetzen zu lassen. Er verteidigte sich ideenreich, umsichtig und zäh. Nicht immer perfekt, aber auch Carlsen ließ Möglichkeiten aus. Ein Remis wäre ein faires Ergebnis gewesen.

Sechs Stunden währte das Auf und Ab des Kampfes, für gewöhnlich eine Zeitspanne, in der Carlsen seine phantastische  Kondition ausspielen kann – aber nun kam Naiditsch: Mit seinem letzten Bauern drang er zur Grundreihe durch. Carlsens vier verbundene Freibauern standen dem einsamen weißen König gegenüber wie Trottel vom Dorf. Handschlag – und der Weltmeister suchte das Weite, ohne sich der üblichen Partieanalyse zu stellen. Diese Niederlage könnte ihn den geplanten Turniersieg kosten.

Naiditsch trat vor die Kamera und machte zur Abwechslung ein Gesicht, als hätte gerade er verloren. Auch das natürlich ganz herrlich.

In Baden-Baden ist die Schachparty jetzt voll im Gang. Naiditsch und Caruana liegen mit zwei Punkten aus drei Partien in Führung. Am Donnerstag ist Ruhetag. Die nächsten vier Runden laufen von Freitag bis Montag, immer von 15 Uhr an, auch im Internet