Szene nach dem Platzsturm von Mönchengladbach © Lars Baron/Bongarts/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Orth, in Mönchengladbach stürmten Kölner Fans vermummt den Rasen. Feuerwerk flog auf den Platz, es gab Verletzungen. Sie fordern jetzt neue Gesetze. "Das Strafrecht muss ins Stadion!", schreiben Sie. Ist das nicht zu hart?

Jan F. Orth: Nein, das waren die Taten von Kriminellen, von Unverbesserlichen. Die bisherigen Maßnahmen sind offenbar nicht wirksam genug. Auch die Gespräche des Vereins und des DFB mit diesen Fans führten nicht zum Ziel. Wohlverhalten im Stadion ist nicht zu viel verlangt. Deswegen muss das Strafrecht her.

ZEIT ONLINE: Der 1. FC Köln will die Fan-Gruppe Boyz nun ausschließen. Strafe muss sein, darüber sind sich alle einig. Aber war in Gladbach wirklich jemand bedroht?

Orth: Man sah es doch in den Videos. Da wurden Ordner geschlagen, Polizisten verletzt. Eine Gefahr muss sich außerdem nicht immer konkret realisieren. Und solches Verhalten leitet andere zur Nachahmung an.

ZEIT ONLINE: Sie haben eine Liste möglicher Vergehen erstellt: Haftstrafen für Pyrotechnik, Geldbußen für das Überwinden einer Absperrung – klingt nach Law and Order.

Orth: Übertrete ich eine Absperrung, zwinge ich den Veranstalter zu einer Reaktion. Das ist oft ein Vorläufer von Taten. Dieses Verhalten gefährdet die öffentliche Sicherheit. Ich halte die vorgeschlagene Strafandrohung nicht für drakonisch, sondern moderat.

ZEIT ONLINE: Vor drei Jahren stürmte eine Zuschauermenge beim Relegationsspiel Düsseldorf gegen Hertha den Rasen, eher aus naiver Freude. Nach Ihrer Definition waren das Tausende Straftäter.

Orth: Das war ein spezieller Fall, bei dem ich von einer theoretischen Strafbarkeit sprechen würde. Diese Leute sind wohl irrtümlich von einer Erlaubnis ausgegangen, aufs Feld zu rennen. Im Verfahren kann man das feststellen, es wird dann eingestellt. Das Beispiel spricht nicht gegen meinen allgemeinen Vorschlag.

ZEIT ONLINE: Sie fordern auch Strafen, wenn man den "sicherheitsrelevanten Anweisungen des Sicherheitspersonals nicht Folge leistet". Ordner tragen aber manchmal zur Eskalation bei, auch gegnerische Fans und Polizisten.

Orth: In der Tat gibt es manchmal Probleme mit der Qualität von Ordnern. Ich müsste ergänzen, dass die Anweisungen der Ordner "rechtmäßig" sein müssen. Ohnehin möchte ich klarstellen: Ich habe keinen fertigen Gesetzesentwurf vorgelegt, sondern eine Materialsammlung. Ich will eine Debatte anstoßen.

ZEIT ONLINE: Warum überhaupt eine juristische Extrawurst für das Fußballstadion, genügen geltende Gesetze nicht?

Orth: Für alle Sportgroßveranstaltungen, nicht nur für den Fußball. Aber gerade dort beobachtet man regelmäßig Verstöße gegen die öffentliche Sicherheit. Es kommt regelmäßig zu Verletzungen und Ausschreitungen. Es ist Zeit zu Handeln. Sonderstrafrechte gibt es übrigens auch für andere Bereiche, etwa beim Versammlungsgesetz.

ZEIT ONLINE: Sie wollen sich in Sicherheitsfragen ein Beispiel an England nehmen.

Orth: Dort gibt es seit 1989 den "Football Spectators Act". Er stellt bestimmtes Fan-Verhalten unter Strafe. Das hat den Vorteil, dass die eigentlichen Übeltäter vom Staat zur Raison gebracht werden können – und nicht nur den Sanktionen des Sports unterliegen. Und das Gesetz ermöglicht täterbezogene Strafen, die finden alle gerechter als Kollektivstrafen.

ZEIT ONLINE: Wer über England redet, muss aber auch die Atmosphäre in den Stadien erwähnen, die viele für steriler als in Deutschland halten.

Orth: Ich bin mir nicht sicher, ob das pauschal gilt. Außerdem liegt das nicht am Strafrecht, sondern an den massiven Eintrittspreiserhöhungen. Ich jedenfalls liebe Fans, wenn sie Choreografien machen oder Gesänge anstimmen. Bloß zerstören ein paar wenige Chaoten diese schöne Stimmung oft.

ZEIT ONLINE: Diese Chaoten sind aber keine Fremdkörper, sondern Teil des Fußballs. Sie sind oft erst durch die Sozialisation im Fußball zu harten Jungs geworden, wie soziologische Studien feststellen.

Orth: Aber sie schaden ihren Vereinen, deswegen nenne ich sie "Pseudofans". Gegen diese kleine Minderheit, die den Fußball nur als Bühne für Selbstdarstellung nutzt und deren Vereinsanhängerschaft vorgeschoben ist, richte ich mich. Sie verdirbt Tausenden den Spaß an einem Fußballnachmittag.