Vor ein paar Tagen, etwa 300 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago de Chile, waren Leonardo Albornoz und seine Männer endlich am Ziel. 120 Stunden haben er und seine acht Begleiter sich durch das Eis der Berge in der Region Maule gekämpft, um hier, unweit der Stadt Linares, auf 3.200 Metern Höhe das zu finden, was so viele vor ihnen mehr als 50 Jahre lang vergeblich gesucht haben.   

Vor ihnen im Schnee liegen die Wrackteile eines Flugzeugs und sie erzählen eine Geschichte, die die Berge über fünf Jahrzehnte lang bewahrt haben. Eine Geschichte über Schicksal und Tod. Eine Geschichte von 24 armen Seelen, die jetzt, nach 53 Jahren, endlich in Frieden ruhen können. Es ist die Geschichte der Tragödie von Green Cross.

Osorno, 3. April 1961. Die Fußballmannschaft von Green Cross wartet auf ihre Flugzeuge, die sie nach einem Auswärtsspiel in der Copa Chile wieder nach Hause in die Hauptstadt Santiago bringen sollen. Green Cross ist eine der beliebtesten Mannschaften des Landes, das Team hatte einige Jahre zuvor sogar eine Europatournee absolviert und dabei Mannschaften wie den FSV Zwickau besiegt. 

"Man konnte den Schmerz förmlich atmen"

Hier nun, auf dem Flughafen von Osorno, trifft das Schicksal eine Entscheidung, die das Team für immer trennen und acht seiner Spieler in den Tod reißen wird: In die erste Maschine steigen nur sieben Teammitglieder, weil die auf dem Weg nach Santiago noch einige Zwischenstopps eingeplant hat. Die meisten Wartenden, darunter auch der Trainer Arnaldo Vásquez Bidoglio und der Mannschaftsmasseur Mario González, besteigen ein zweites Flugzeug, eine Douglas DC-3. Um 23:57 Uhr, irgendwo über den Anden, bricht schließlich der Kontakt zu der Maschine des Anbieters LAN ab. An Bord waren 20 Passagiere und vier Crewmitglieder.

Diese Maschine, da sind sich Albornoz und seine Männer sicher, haben sie nun endlich entdeckt, und damit nach 53 Jahren eines der größten Rätsel der chilenischen Luftfahrtgeschichte gelöst. Fünf Jahrzehnte lang suchten unzählige Mutige zuvor vergeblich nach der DC-3, auch Albornoz und sein Team hatten bereits zwei erfolglose Expeditionen unternommen. "Große Teile des Rumpfes sind noch erhalten", sagte Albornoz jetzt der Zeitung La Segunda. "Die Wrackteile liegen überall um den Fundort verteilt, und auch Knochenreste haben wir gefunden." Man habe die Energie an diesem besonderen Ort regelrecht spüren können, so Albornoz: "Man konnte den Schmerz förmlich atmen."  

Bereits wenige Stunden nach dem mutmaßlichen Unglück beginnt in Chile zwischen Los Ángeles und Santiago eine der größten Suchaktionen, die das Land bis dahin gesehen hat. Die acht vermissten Spieler und ihr Trainer sind Volkshelden. Von den Bergen bis ans Meer sucht man zu Land und in der Luft nach der Unglücksmaschine, und nach acht Tagen glaubt man sich am Ziel: LAN-Kapitän Sergio Riesle und sein Kopilot René Sugg entdecken beim Überfliegen eines Gebietes um Linares Flugzeug-Wrackteile.  

Leichen wurden nie geborgen

Die vermeintliche Unfallstelle wird untersucht und es wird festgestellt, dass das Flugzeug in Flammen aufgegangen sein muss – wahrscheinlich, weil es versehentlich mit dem Flügel einen Felsen touchiert hatte. Die Insassen werden für tot erklärt, obwohl nie Leichen geborgen wurden.

Die Nachricht erregt im Land große Trauer und sogar internationale Anteilnahme, denn der ebenfalls verbrannte Eliseo Víctor Mouriño Oyarbide war erst kürzlich von den legendären Boca Juniors aus Argentinien zu Green Cross gewechselt, um in Chile seine Karriere ausklingen zu lassen. Zur öffentlichen Begräbniszeremonie kommen am 17. April 1961 Tausende nach Santiago, um sich von ihren Idolen zu verabschieden, unter ihnen auch andere Fußballstars, Schiedsrichter und Club-Besitzer. Zu Ehren der verstorbenen Helden wird die Copa Chile, die in diesem Jahr die Santiago Wanderers erringen, einmalig in Copa Green Cross umbenannt. Bis heute hält sich hartnäckig das Gerücht, die Särge seien damals mit Steinen gefüllt gewesen.