Was für ein Finale! Der letzte Spieltag des Baden-Badener Superturniers am Montag dauerte von 15 Uhr bis Mitternacht und zeigte, wie spannend Schach sein kann. Die Großmeister Nigel Short und Jan Gustafsson, die das Turnier im Internet kommentieren, reden sich auf Englisch den Mund fusselig, um das Geschehen auf den vier Brettern für die Zuschauer in aller Welt zu deuten. Neun Stunden wird gespielt – und bis zur letzten Minute ist es offen, wer den Sieg erringt.

Zunächst wird die reguläre letzte Runde des Turniers ausgetragen. Zu ihrem Beginn liegen der Weltmeister Magnus Carlsen aus Norwegen und der beste Deutsche, Arkadij Naiditsch, mit je vier Punkten aus sechs Partien vorn. Der Weltranglistenzweite, Fabiano Caruana aus Italien, liegt einen halben Punkt zurück.

Mehr und mehr Material verschwindet vom Brett – Remis!

Carlsen hat in der siebten Runde den leichteren Gegner. Er spielt mit Weiß gegen den Franzosen Etienne Bacrot, der hier noch nicht eine Partie gewonnen hat. Naiditsch hingegen muss mit Weiß gegen den Armenier Lewon Aronjan antreten, einen eröffnungstheoretisch beschlagenen und ungemein einfallsreichen Spieler. Wenn Aronjan in Form ist, kann er jeden schlagen, auch Carlsen. Seit Monaten quält ihn allerdings eine Formkrise.

Ein Sieg Carlsens, ein Remis Naiditschs – und der Turnierausgang wäre klar. Es soll anders kommen.

Carlsen hat in einem Damenbauernspiel Vorteile gegen Bacrot, findet die richtige Fortsetzung in einem komplizierten Mittelspiel nicht und gerät in eine Dauerschachfalle. Remis!

Naiditsch hat das Schottische Vierspringerspiel gewählt, eine so alte wie solide Eröffnung. Hauptsache, alles unter Kontrolle. Nach frühem Damentausch erzielt er ein leichtes Plus im Turmendspiel. Plötzlich sieht es so aus, als ob er mit einem Bauern zur Dame durchmarschieren könnte. Aronjan weiß alle Drohungen zu parieren. Mehr und mehr Material verschwindet vom Brett – Remis!

Gewinnt Caruana jetzt seine Partie gegen David Baramidze, zieht er mit Carlsen und Naiditsch gleich, und es gäbe ein Stechen zu dritt. Der Turnierletzte aus Dortmund denkt aber gar nicht daran, die Waffen zu strecken. Obwohl mit Weiß aus der Englischen Eröffnung heraus in Nachteil geraten und nach dem Verlust eines Bauern in Unterzahl spielend, verteidigt er sich verbissen, 70 Züge lang.  

Was jetzt kommt, ist kein Kindergeburtstag

Im 71. Zug zieht er seinen Springer auf das falsche Feld. Vielleicht fehlte für einen Moment die Konzentration? Caruana könnte jetzt mit seinem König vorstürmen und siegen. Aber Caruana sieht es nicht. Einen Zug später ist alles wieder im Lot. Die Partie endet nach sechs Stunden und 85 Zügen – Remis!

Mittlerweile ist es 22 Uhr. Nach einer kurzen Pause treten Carlsen und Naiditsch zum Stechen an. Zwei Schnellpartien sollen darüber entscheiden, wer den Pokal nach Hause trägt. Naiditsch hätte es nicht weit. Er wohnt in Baden-Baden. Und dass er Carlsen nicht fürchtet, hat er im Turnier bereits bewiesen. Somit erleben die Zuschauer im Schachzentrum an der Lichtentaler Allee einen Showdown, wie er schöner nicht sein könnte. Der furchtlose Lokalmatador gegen den Weltmeister aller Klassen. Naiditsch hat jetzt nichts mehr zu verlieren.

Zehn Minuten für jeden für die gesamte Partie – das ist verdammt wenig, auch wenn die elektronische Uhr pro Zug zwei Sekunden Zeit gutschreibt. Naiditsch hat zunächst Schwarz. Was jetzt kommt, ist kein Kindergeburtstag. Carlsen hält den WM-Titel im langsamen Schach, im Schnellschach und im Blitzschach.

Im Kommentarraum im zweiten Stock des Schachzentrums versammelt sich die erweiterte Weltspitze, um der Internetübertragung neuen Schub zu geben. Aronjan und Caruana befeuern die erschöpften Analytiker Short und Gustafsson, während unten im Saal die Züge aufs Brett gedroschen werden. Sage einer, Schach sei geruhsam!

Carlsen überrennt Naiditsch am Damenflügel und schon steht es 1:0.

In der zweiten Partie greift Carlsen mit Schwarz an, diesmal am Königsflügel, und es sieht verdammt gefährlich aus. Aber Naiditsch ist ein gewiefter Taktiker und er hat Nerven. Er findet ein paar starke Züge, Carlsen verheddert sich, kommt aus dem Tritt, Naiditsch setzt nach. 1:1.