ZEIT ONLINE: Herr Rongen, wie oft denken Sie an die Zeit in Amerikanisch-Samoa zurück?

Thomas Rongen: Sehr oft. Ich bin noch mit den meisten Spielern in Kontakt. Mittlerweile trainiere ich die Tampa Bay Rowdies, ein Profiteam aus den USA. Aber ich habe in Amerikanisch-Samoa viel gelernt.

ZEIT ONLINE: Was denn?

Rongen: Ich habe über Jahre vier Teams in der US-amerikanischen Profiliga MLS trainiert. In dieser Zeit ging mir die Leidenschaft für das Spiel etwas verloren. Es ging nur ums Gewinnen, das Persönliche blieb außen vor. Die Spieler in Amerikanisch-Samoa haben mir die Liebe zum Fußball zurückgegeben. Das Gefühl, dass man Menschen mit Respekt behandelt. Ich gehe jetzt wieder offener auf meine Spieler zu. Ich möchte wissen, wie es ihnen geht, auch privat, damit ich besser verstehen kann, wie sie funktionieren, und wie ich sie motivieren kann. Die Zeit auf der Insel hat mich gestärkt, inspiriert und motiviert.

ZEIT ONLINE: Als Sie 2011 kamen, war Amerikanisch-Samoa das schlechteste Team der Welt. Warum haben Sie den Job angenommen?

Rongen: Irgendwann kommt man an einen Punkt, an dem man etwas Neues sucht, etwas Aufregendes, Herausforderndes. Ehrlich gesagt können nicht viele Trainer von sich behaupten, eine Nationalmannschaft trainiert und in die WM-Qualifikation geführt zu haben. Außerdem reise ich gerne, in dieser Ecke der Welt war ich noch nicht gewesen.

ZEIT ONLINE: Wie war Ihr erster Eindruck vom Team?

Rongen: Wie es das Fifa-Ranking sagte: Sie waren nicht sehr gut. Es gab viel zu tun. Aber ich wusste, ich kann helfen. Sie lieben das Spiel. Man muss sich das mal vorstellen: Diese Mannschaft hatte seit zehn Jahren nur verloren, hatte in dieser Zeit gerade einmal zwei Tore erzielt, hatte 0:31 gegen Australien verloren. 2001 war das, es ist noch immer die höchste Niederlage einer Nationalmannschaft auf der Welt. Aber sie kamen jeden Tag wieder zum Training, waren enthusiastisch, wollten unbedingt besser werden. Das war beeindruckend.

ZEIT ONLINE: Zwischen Wollen und Können gibt es nur leider einen Unterschied.

Rongen: Ja, aber obwohl sie auf dem schlechtesten Niveau spielten, das ich je gesehen hatte, hatte ich das Gefühl, dass ich ihnen etwas geben kann. Obwohl ich nur drei Wochen hatte, um uns auf die Qualifikationsspiele vorzubereiten.

ZEIT ONLINE: Die Spieler waren alle Amateure?

Rongen: Ja. Wir haben uns entschieden, ein zweiwöchiges Trainingslager zu machen, in dem wir zusammen trainieren und essen. Aber uns standen nur zwei Pick-up-Trucks zur Verfügung. Die meisten Spieler hatten keine Autos. Also fuhr ich sie nach dem ersten Training zur Arbeit, zu ihrem Fischerboot oder zur Schule, danach holte ich sie wieder ab.

ZEIT ONLINE: Ist es schwieriger, ein Team fußballerisch besser zu machen, oder es mental zu stärken? Mit 0:10-Niederlagen war die Mannschaft manchmal noch gut bedient.

Rongen: Wir wurden besser, spielerisch, technisch, taktisch. Wir waren organisiert und fit. Aber das Wichtigste war, dass das Team wieder glaubte. Es gab große psychologische Narben, aber sie haben sofort an mich und meine Philosophie geglaubt. Die weißen Fremden werden auf der Insel balangi genannt. Die vorherigen balangis waren auf der Insel nicht sehr willkommen, weil sie sich nicht in die Gemeinschaft fügten. Ich war mit ihnen in der Kirche, ich betete mit ihnen, ich sang mit ihnen. Sie merkten, dass ich einer von ihnen bin. Dass ich alles geben würde.

ZEIT ONLINE: In dem Film sieht man auch, dass Fußball wie das ganze Leben auf Amerikanisch-Samoa von Spiritualität geprägt ist.

Rongen: Das ist sehr augenscheinlich. Überall stehen Kirchen, überall wird gesungen. Um 17 Uhr müssen alle aufhören zu arbeiten und zwei Momente nachdenken über das Leben. Ich habe erkannt, dass es wichtigere Dinge im Leben gibt als gewinnen und verlieren. Und ich habe meine eigene Spiritualität, mein Innerstes neu kennengelernt. Als Atheist war das neu für mich, aber es hat aus mir einen besseren Menschen und Trainer gemacht.

ZEIT ONLINE: Im Film wirken Sie anfangs sehr streng. Sie streiten vor der Mannschaft lautstark mit einem Offiziellen, reden auch sehr hart mit Spielern, wenn sie Fehler machen. Sie scheinen in diese harmonische Welt nicht zu passen.

Rongen: Das war auch ein bisschen kalkuliert. Ich wollte der Mannschaft zeigen, dass ich keine Angst vor dem Establishment dort hatte. Ich wollte einen Punkt machen: Ich war da, um zu gewinnen. Alle merkten, dass es mir ernst war. Auf der Insel sind viele sehr obrigkeitshörig. Ich wollte das brechen. Den Spielern wollte ich sagen: Genießt das Spiel, aber versteht auch, dass ich einen anderen ins Team nehme, wenn ihr euch nicht konzentriert! Mit der Zeit wurde ich sanfter.