Bulli, das Maskottchen des RB Leipzig © Matthias Kern/Getty Images

So viele waren noch nie da. "43.348 Zuschauer", ruft der Stadionsprecher, "damit sind wir zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte ausverkauft". Die 43.348 freuen sich vor dem Pokalspiel gegen Wolfsburg, sie beklatschen sich selbst und wissen, dass sie damit vielen Traditionalisten die Tränen in die Augen treiben. Denn die Vereinsgeschichte von RB Leipzig ist überschaubar, den Club gibt es erst seit sechs Jahren. Das ist ein Problem.

RB Leipzig ist der größte Affront im deutschen Fußball. Ein reines Marketingvehikel, finden viele. Schon der Vereinsname RasenBallsport steht in all seiner frechen Ungelenkheit für das Böse im Fußball, für die Brausefirma, deren Initialen auch mit RB beginnen und die Millionen nach Leipzig pumpt. Fans aller Lager, die sich sonst die Pest an den Hals wünschen, sind sich einig in ihrer Abneigung gegenüber den Leipzigern, gegenüber dem Plastikclub.

Man kann an RB wirklich viel schlecht finden: Es schiebt Spieler zwischen zwei Filialen hin und her, hat nur ein gutes Dutzend Mitglieder und veräppelt die DFL (die sich veräppeln lässt). Aber kann man dafür allen 43.348 absprechen, dass ihr Fan-Sein, ihre Emotionen nicht echt sind? Und wie ist es eigentlich in Leipzig? Wie ist die Stimmung? Wie das Stadion? Wer geht hin? Und wer nicht? Wird am Ende gar mit einer Dose gekickt? 

Entscheidend ist im Stadion

Ich habe mir ein Ticket gekauft. Es war eines der letzten, die es noch gab. 30 Euro, Sektor A Unterrang, Block 10, Reihe 30. Frei nach der Rasenballsport-Legende Adi Preißler ("Entscheidend ist im Stadion") möchte ich herausfinden: Ist dieses RB Leipzig wirklich der Untergang der Fußballkultur?

In der Straßenbahn zum Stadion bekannte Bilder: Fans, alt und jung, groß und klein. Viele mit RB-Schals, RB-Mützen, RB-Trikots. Die Männer sehen aus wie Wolfgang Stumph, die Frauen wie Simone Thomalla. Vielleicht sind hier ein wenig mehr Paare als gewöhnlich unterwegs, mehr Kinder, mehr Funktionsjacken.

Da ist auch das Grüppchen, das hinten im letzten Wagen lehnt: Kapuzenpullis, Lederjacken, Markenjeans, Bierflaschen in den Arschtaschen. Sie singen "Schalalala" und "Hier regiert der RBL". Sie klopfen an die Scheibe der Straßenbahn, weil draußen ein paar Mädchen stehen und rufen "Mäuschen!". Sie furzen und weisen sich gegenseitig auf ihre Fürze hin. Ganz normale Fußballfans.

"Hier sind alle ausgeflippt"

Das Leipziger Stadion muss jedem Nostalgiker gefallen. Um hinein zu kommen, muss man den Wall des alten Stadions erklimmen. Die neue Arena wurde nämlich in das alte, riesige Rund des ehemaligen Zentralstadions gebaut. Über die alten Stufen ist längst Gras gewachsen, aber sie erzählen immer noch Geschichten. Wie die von 1957, DDR gegen die ČSSR, 110.000 Zuschauer, mehr Menschen hatten und haben nie wieder ein deutsches Fußballspiel gesehen. Jetzt führen mehrere Brücken übers alte ins neue Stadion.

Mein linker Sitznachbar kommt nicht aus Leipzig, sondern aus Bayern. Er war zufällig zum vorherigen Pokalspiel im Oktober gegen Aue im Stadion. RB gewann ein verrücktes Spiel in der Verlängerung. "Die Leute hier im Stadion sind alle ausgeflippt", erzählt er. Das fand er toll und hat sich ein paar Termine so gelegt, dass er wieder hier sein kann. Eigentlich ist ihm egal, wer gewinnt, sagt er. Das wird sich im Laufe des Spiels ändern.

Wir schauen dem Stadionsprecher zu. Er trägt Anzug, Krawatte und Weste. Er sieht aus, als würde er gleich das nächste Chanson ansagen. Während er die Aufstellung verliest, vollführt er bei jedem Namen eine kleine Jubelgeste oder täuscht einen imaginären Torschuss an.

Herrlich wenig Werbung

Das ist aber auch das einzige Unterhaltungselement. Kein Gewinnspiel, keine Halbzeitblödelei, kein Fan-Interview auf der Stadionleinwand, wie man es von anderswo kennt. Der Sprecher schreit auch nicht wie viele seiner Bundesligakollegen, bei denen man denkt, sie würden einem eine Kiste Aale verkaufen wollen. Zudem alles werbefrei. In anderen Stadien werden jede Ecke, jeder Freistoß, jede Auswechslung von irgendeinem Mittelständler oder Handwerksbetrieb ums Eck präsentiert. Das hat RB nicht nötig, ein Big Spender hat auch Vorteile.

Rechts von mir sitzt ein Pärchen. Er raunt ihr "Das ist Luiz Gustavo" zu, wenn Luiz Gustavo am Ball ist und "Da drüben ist der Schürrle", wenn da drüben auf der anderen Seite der Schürrle ist. Sie nickt und nippt an ihrem Bier, vielleicht würde sie jetzt lieber das Bachelor-Finale sehen. Als alle singen: "Steht auf, wenn ihr Leipziger seid", steht mein linker Sitznachbar auf. Die rechten bleiben sitzen.

RB, der Außenseiter, beginnt stürmisch. Zweimal stehen sie in den ersten zwanzig Minuten alleine vor dem Wolfsburger Tor, zweimal schießen sie einen halben Meter vorbei. Die Stimmung ist prächtig. Ein Mann mit RB-Mütze, dicker Brille und grauem Poetenbart wedelt ironisch-belehrend mit seinem Zeigefinger und ruft: "Das ist eine ganz, ganz andere Entwicklung, als wir gedacht haben." Die Leute ringsherum lachen. Dann macht Wolfsburg das 0:1.

Es gibt sechs Sorten der Brause

Es wird etwas ruhiger. Außer bei den Ultras. Die hat RB auch. Die Treuesten der Treuen, die immer singen, immer stehen und dort, aus dem Sektor B heraus, die Stimmung vorgeben. Die Ablehnung der anderen sehen die RB-Fans mittlerweile ironisch. Singen deren Schmähgesänge oft mit oder stimmen sie sogar an. Ihr Repertoire ähnelt dem anderer Kurven: Wechselgesänge mit den anderen Tribünen, Allerlei mit Allez. Und wenn die Kurve mal hüpft, liebe Eintracht- und Werderfans, liebe Schalke- und Gladbachanhänger, müsst ihr tapfer sein. Sie sieht nicht viel anders aus als eure.

In der Halbzeit stehe ich in der Getränkeschlange. Hier ist einer der wenigen Orte, an dem man um den Brausekonzern nicht herumkommt. Es gibt Bier, Radler, Saft, Selters – und gleich sechs Sorten der Brause plus die mit Cola gemischte Variante. Eine Nachfrage bei einer Getränkefrau ergibt, dass mehr Bier als Brause verkauft wird. Die Stadionwurst ein paar Meter weiter ist perfekt.