Der "most interesting man in the world", der interessanteste Mann der Welt, ist eine fiktive Figur einer amerikanischen Bierwerbung. Das Etikett würde aber auch dem echten Stephen John Nash stehen. Der sich als weißer, dünner, kleiner Junge mit Rückenleiden in der NBA durchsetzte. Der zum effizientesten Werfer und drittbesten Vorlagengeber der Basketballgeschichte aufstieg. Dem nun, nach seinem verletzungsbedingten Karriereende im Alter von 41 Jahren, als Filmemacher, Umwelt-, Friedens- und Kinderrechtsaktivist und dreifacher Vater garantiert nicht langweilig wird. Und ohne den Dirk Nowitzki kein Weltstar geworden wäre und nie die NBA gewonnen hätte. Denn Steve Nash nahm sich seiner an wie ein Bruder, trieb ihn zu Privatduellen in Trainingshallen und Kneipen und hielt ihn in dessen hartem ersten Jahr davon ab, nach Deutschland zurückzukehren.

Basketball lässt sich auf vielerlei Art begreifen: als ein Spiel zwischen Ballphysik und Teamchemie, Horizontale und Vertikale, Vollgas und Vollbremsungen, Winkeln und Sekunden. Letztlich aber geht es darum, einen Ball in einen Korb zu werfen. Das tat niemand so effizient wie Nash. Und niemand konnte andere so gut und schön dazu bringen.


Er wollte nie ein Vollstrecker sein, sondern der Vorbereiter, der seine Mitspieler besser macht. Im Gedächtnis bleiben (neben seinen NBA-untypisch langen Haaren) seine spektakulären, stets hochpräzisen Pässe. Als Spielmacher von Dallas und Phoenix lenkte er von 2001 bis 2009 die jeweils offensivstärkste Mannschaft. Weil er die perfekte Balance fand: "Meine Trainer wollten immer, dass ich viel werfe", sagte Nash. Ich wollte aber nicht, das ist gegen meine Natur. Also habe ich versucht, hochprozentig zu treffen, sodass ich nicht viel werfen muss. Dann wussten meine Mitspieler, dass sie oft werfen und das Spiel genießen konnten. So hatten alle was davon."

Die Dreipunktelinie für Distanzwürfe gibt es seit 35 Jahren. In dieser Zeit gab es nur zehn Saisons, in denen irgendein Spieler von dort draußen mindestens 40 Prozent seiner Würfe traf und zugleich 50 Prozent seiner Würfe aus dem Feld insgesamt, plus 90 Prozent seiner Freiwürfe. Dirk Nowitzki gehört zu den sechs Spielern, die dieses sportliche Wunder einmal geschafft haben. Aber außer dem legendären Larry Bird in den Achtzigern gelang es niemandem zweimal. Bis auf Nash. Der so lange belächelte langhaarige Zwerg schaffte es viermal in den legendären 40-50-90-Club. Drei weitere Male scheiterte er nur an hundertstel Prozentpunkten.

Er protestierte gegen den Irakkrieg

In Südafrika geboren, in Kanada aufgewachsen, kam Nash 1996 in die Liga, im Schatten des Ghetto-Rabauken Allen Iverson und des Soziopathen Kobe Bryant. In fast allem unterschied sich Nash von diesen beiden, nur nicht im Aufopfern. Das und die Liebe zum perfekten Pass hat ihm sein Vater, ein britischer Fußballprofi, beigebracht – beim Fußball und Eishockey, Lacrosse und Skateboarden, Rugby und Schach. Eigentlich beherrscht er jeden Sport. Nur die Windsurf-Weltmeisterschaft musste er als 13-Jähriger seinem Beinahe-Namensvetter Robby Naish überlassen. Erst spät entschied sich Nash für Basketball, nur ein einziges College bot ihm ein Stipendium an.

Er war ein unterdurchschnittlicher Verteidiger, hechtete aber jedem Ball hinterher, stellte sich jedem heranstürmenden Gegner in den Weg. YouTube ist voll von Videos, in denen der 1,91 Meter kleine Nash Ellbogen und Knie der Sprungwunder von der Gegenseite ins Gesicht bekommt, sein Trikot vollblutet, beiläufig seine Nase noch auf dem Feld einrenkt, mit geschwollenem Auge weiterspielt, nach einem bösen Bodycheck in die Werbebande stürzt.


Nash bewies: Härte hat nichts mit Muskeln zu tun. Um sich die Freiheit für sein risikoreiches Spiel mit No-Look-Pässen aus der Drehung durch die Beine und hinter dem Rücken zu verdienen, verbannte er sich selbst in die Halle, um zu werfen, werfen, werfen. Um so an der Freiwurflinie die erlittenen Schmerzen kühl in zwei Punkte umzuwandeln, also so viele, wie auch der aggressivste Slam Dunk bringt. Oder einen dritten als Bonus, wenn er trotz Foul den Ball mit Gefühl im Korb untergebracht hatte.

Wegen eines Gleitwirbels durfte er nie ruhig stehen oder sitzen. Haltung zeigte er aber auch abseits des Feldes. 2003 sprach er sich gegen den Irakkrieg aus. Die unter dem 9/11-Schock stehenden US-Journalisten und auch Mitspieler kritisierten ihn scharf, manche wollten ihn des Landes verweisen. Nash stand zu seiner Meinung: "Ich prangere an, dass wir immer noch Gewalt als Mittel zur Konfliktlösung einsetzen."

Er bestand darauf, dass sein Schuh komplett aus recyceltem Material entwickelt wurde. Auf Twitter protestierte er gegen Polizeigewalt in Ferguson und verneigte sich vor anderen Athleten ("Federer ist ein Magier"). Mit seiner Stiftung setzt er sich für gesunde Ernährung und Bewegung, Bildung und Trinkwasserversorgung ein.