Wäre alles wie immer gelaufen, würde jetzt kaum jemand über Plauen reden. Der VFC Plauen ist pleite, würde seine Regionalliga-Saison zwar noch zu Ende spielen, aber es wäre egal, ob er gewinnt oder verliert. Am Ende müsste der Club zwangsabsteigen und in der kommenden Saison in der Oberliga von vorne anfangen, so sind die Regeln. Doch Plauen will nicht. Plauen wehrt sich.

Der VFC klagt gegen seinen eigenen Verband. Er will damit den DFB zwingen, die Regeln zu ändern. Bekommt er recht, könnte er das Sportrecht auf den Kopf stellen. Von der Bundesliga bis in die untersten Klassen. Und ganz nebenbei richtet er ein kleines Chaos in seiner Liga an.

Der Verein aus dem Vogtland, einer Region an der sächsisch-tschechischen Grenze, dümpelt schon seit ein paar Jahren in der Regionalliga Nordost herum. Fast genauso lang plagen den Traditionsclub finanzielle Probleme. Im Herbst 2014 konnte der Verein seinen Spielern die Gehälter nicht mehr zahlen, er hatte fast eine Million Euro Schulden angehäuft, 160.000 Euro hätten sofort überwiesen werden müssen. Das ging nicht. Anfang Dezember meldete der VFC Plauen Insolvenz an. 

Zur Not bis vor den Bundesgerichtshof

Insolvenz bedeutete für Fußballvereine bisher immer: Zwangsabstieg. So will es die Satzung des DFB. Der ist eine Strafmaßnahme, um Vereine zum vernünftigen Wirtschaften zu bringen. Doch Plauen will diese Regelung kippen. Das kündigte der eingesetzte Insolvenzverwalter Klaus Siemon Anfang Dezember an, zur Not wollte er bis vor den Bundesgerichtshof ziehen.  

"Es ist eine offene Frage, ob die Statuten des DFB mit dem Insolvenzrecht vereinbar sind", sagt Siemon. Der Anwalt meint, eine Lücke in der DFB-Satzung gefunden zu haben. Die bisherige Regelung, Insolvenz gleich Zwangsabstieg, sei ein Verfahren, das eine erfolgreiche Sanierung eines Vereins im Voraus ausschließt, findet Siemon. Denn Zwangsabstieg hieße: Spielerverkäufe, fehlende Zuschauereinnahmen und Absturz in die Bedeutungslosigkeit. Ein wirtschaftliches Desaster.  

Damit wird Vereinen die Chance genommen, sich in der gleichen Liga zu sanieren, so Siemon. Und das verstoße gegen den Paragrafen 119 der Insolvenzordnung. Dort steht, dass Regelungen, die eine Sanierung im Voraus ausschließen, unwirksam sind. "Die Insolvenzordnung will nicht, dass Vereine bestraft werden, nur weil sie insolvent sind", sagt Siemon. "An diesem Punkt ist die DFB-Satzung ein Sanierungshindernis." Deshalb klagt er. 

Verband verstößt gegen seinen eigenen Deal

Der Plauener Weg wird von kuriosen Entscheidungen des Nordostdeutschen Fußballverbandes (NOFV) begleitet. Zuerst drohte der Insolvenzverwalter im Januar mit einer einstweiligen Verfügung. Plauen sollte wieder um echte Punkte spielen. Weil der Verband das vermeiden wollte, einigten sich Plauen und der NOFV auf einen Deal. Dort wurde unter anderem in einem Nachsatz vereinbart, dass Plauen zwar absteigen muss, die Saison aber regulär beenden darf. Regulär heißt: Es geht weiter um Punkte. Damit hatte der NOFV seine eigene Satzung umgangen, die ein solches Ende für insolvente Vereine ausschließt. Den Fehler bemerkte der Verband schnell und strich den Nachsatz wieder. Der NOFV-Präsident Rainer Milkoreit sagt, dass es den Passus nie gegeben hat.  

Trotzdem gab es Kritik: Die anderen Vereine der Regionalliga fühlten sich ungerecht behandelt. Auch der DFB meldete sich und wies seinen Landesverband auf die geltende Satzung hin. Der NOFV musste also noch mal ran. Im Februar erklärte das NOFV-Präsidium, die restlichen Spiele der Plauener sollten nicht mehr zählen und nur noch "verpflichtende Freundschaftsspiele" sein. Und Plauen müsse am Ende der Saison absteigen. Jetzt hatte der Verband gegen seinen eigenen Deal mit Plauen verstoßen.  

Daran erinnerte der Insolvenzverwalter und zog vor das Berliner Landgericht. Das erließ Ende Februar eine einstweilige Verfügung. Nun spielen die Plauener wieder um Punkte. Ein erster Erfolg für Siemon. In seiner Urteilsbegründung zitierte das Gericht genau die Stelle aus dem Deal, die es laut NOFV nie gab.  

Paragraf schon länger umstritten

Das nächste Ziel des Anwalts ist es nun, den Zwangsabstieg zu verhindern. Deswegen hat er am vergangenen Mittwoch wieder vor dem Landgericht Berlin Klage eingereicht. Das Gericht lässt in seinem Urteil vom Februar schon mal durchblicken: "Die in Paragraf 6 der DFB-Spielordnung enthaltene Regelung ist kein zwingendes Recht." Ein deutlicher Fingerzeig in Richtung der Verbände. Deshalb ist sich Siemon sicher: "Vom DFB-Paragraf 6 wird nicht viel übrig bleiben." Der DFB müsste in dem Fall seine Satzung ändern.

Siemon nutzt aus, dass die Verbände untätig blieben. Schon länger war der Paragraf 6 unter Juristen umstritten. Der DFB hat es möglicherweise verpasst, seine Satzung an die bestehende Insolvenzordnung anzupassen. Es brauchte nur einen Kläger, einen Verein, der willens ist, die Regelung bis zum Schluss anzufechten, der nichts mehr zu verlieren hat, wie den VFC Plauen.  

Immerhin gibt es beim DFB schon konkrete Reformgedanken, wie NOFV-Präsident Milkoreit sagt. Für den Fall Plauen kommt das zu spät. Plauen könnte ein weiteres Beispiel werden, bei dem die Rechtsauslegung eines großen Sportverbandes von der Justiz kassiert wird. Wie auch schon im Fall von Claudia Pechstein oder wie in Wilhelmshaven, das gerade dabei ist, Fifa-Entscheidungen anzufechten.