Ein Gedankenexperiment: Nächste Saison sichert sich der FC Ingolstadt am letzten Bundesliga-Spieltag den Klassenerhalt durch einen Sieg gegen den FC Bayern, der schon längst Meister ist. Das Spiel stünde sofort unter dem Verdacht der Manipulation, denn beide Vereine sind im Teilbesitz von Audi. Andersherum wäre fraglich, ob Ingolstadt den Bayern ein Bein zu stellen versucht, wenn die für ihre Meisterschaft noch Punkte benötigen.

Insofern handelt die Deutsche Fußball-Liga (DFL) nun richtig. Die Mitgliederversammlung hat am Donnerstag eine Regel beschlossen, die Investoren einschränkt, mehrere Vereine ganz oder zum Teil zu besitzen. Sie begrenzt also Mehrfachbeteiligungen (Cross-Ownership). Ein Investor darf nur an drei Vereinen Anteile halten, an zweien von denen höchstens 10 Prozent.

Das Problem: Die DFL handelt zu spät. Sie hätte Mehrheitsbeteiligungen von vornherein verbieten sollen. Durch jahrelange Untätigkeit hat sie sich in ein Dilemma manövriert. Sie möchte den Wettbewerb schützen, kann aber Eigentum nur schwer angreifen. Bestandsschutz nennt sich das. So ist die neue Regel nichts weiter als ein Kompromiss. Ein Kompromiss, der den schützt, der zuerst da war: Volkswagen.

Bestandsschutz oder Privileg?

Die DFL hat eine Lex Volkswagen gebastelt, die Regel ist auf die Autobauer aus Wolfsburg zugeschnitten. Ihnen gehört der VfL Wolfsburg zu 100 Prozent. Und sie dürfen Ingolstadt behalten, obwohl die Tochter Audi am FCI rund 20 Prozent hält, also doppelt so viel wie die zugelassenen 10.

Man kann diesen Bestandsschutz auch Privileg nennen. Das sieht sogar die DFL ähnlich. "Die 'gefühlte Privilegierung' des VW-Konzerns", steht in einer internen E-Mail des Verbandsjuristen, "wird zumindest zu zwei Dritteln nivelliert." Zu einem Drittel also nicht, Ingolstadt ist gemeint. Und die anderen beiden Drittel schützen den aktuell Ersten und Zweiten der Tabelle. Und das in Zeiten, in denen man über Langeweile in der Bundesliga redet. Als Wolfsburg vor gut einem Jahr Ingolstadt aus dem Pokal warf, schrieb die Bild: "Audi-Torwart hilft bei VW-Sieg!"

Helfen können sich die Volkswagen-Clubs nämlich nicht nur auf dem Platz. Transfers können sie zwar nicht anordnen, aber Kosten dabei sparen. Den Wechsel von Luiz Gustavo von München nach Wolfsburg beschleunigte der VW-Chef Martin Winterkorn, der zugleich im Aufsichtsrat des FC Bayern sitzt. Derzeit deutet sich an, dass Kevin De Bruyne der Nächste sein könnte, der sich per Hauspost verschicken lässt – diesmal in umgekehrter Richtung.

VW darf mehr als andere

Man kann sich auch auf Sponsorensuche zusammentun. Da war Volkswagen in der Vergangenheit nicht zimperlich. Ehemalige Manager sollen mehrfach Zulieferer von VW zum Sponsoring beim VfL genötigt haben, zum Beispiel die Telekom-Tochter T-Systems. Das war Korruption. Eine starke Liga, die auf integren Wettbewerb Wert legt, hätte den VfL dafür strafen können. Wenn man das alles weiß, darf man schon fragen, warum der fränkische VW-Lieferant Schaeffler den FC Bayern sponsert, obwohl der Kugellager-Hersteller seine Produkte wohl kaum an Endkunden loswird.

Der deutsche Fußball gesteht den reichen Wolfsburger Autobauern, die gesamt sechzehn deutsche Profivereine und den DFB-Pokal sponsern, generell viel zu. Auch die 50+1-Regel hatte die DFL an VW angepasst. Die besagt, dass die Stimmenmehrheit beim Verein bleiben muss. Das tut sie beim VfL Wolfsburg (wie in Leverkusen) aber nicht. VW darf auch hier mehr als andere. Um mit dem Fußball mehr Autos zu verkaufen, wie VW-Manager offen sagen.

Die DFL hätte übrigens auch ganz anders handeln und den Markt für Mehrfachbeteiligungen öffnen können. Wenn schon, denn schon. Man hört aber, dass das den Bayern nicht gefallen würde. Sonst könnte, sagen wir, Red Bull einen weiteren Konkurrenten gegen sie ins Rennen schicken.