Nichts ist schlimmer als der Satz, dass früher doch alles besser war. "Früher war es hier doch besser", sagten wir uns, als wir uns auf dem Sportplatz von B. warmliefen. Zugegeben, so richtig, richtig schön wurde es hier meistens auch früher ohnehin erst nach dem Spiel. Holprig und schlecht gemäht war der Rasen schon immer, schon immer blätterte auch von den Stangen, die das Spielfeld von den Zuschauern abtrennen, die Farbe. Aber eben das war der Unterschied: Früher gab es hier Zuschauer. Und zwar wahnsinnig viele.

B. ist ein echtes Dorf im Osten von Hessen, gerade einmal etwas mehr als 2.000 Einwohner, aber in den guten Jahren stand bei einem Heimspiel rein zahlenmäßig nicht nur das ganze Dorf rund um das löchrige Geläuf, sondern auch noch die Hälfte der Einwohner der benachbarten Orte. Da versammelten sich dann 2.000 Menschen um einen engen Dorfsportplatz und sorgten für eine recht einmalige, aufgeheizte Stimmung. Für einen Schiedsrichter nicht das Schlechteste: B. war bekannt als ein Spielort, an dem man gute Beobachtungsnoten einsammeln konnte: Wer hier dem Druck der äußeren Verhältnisse widerstand, musste stramme Nerven haben.

B. war ein Phänomen. Aus dem Nichts stieg der Verein aus den Niederungen der Kreisklassen auf, immer weiter und weiter, bis man irgendwann in der Oberliga Hessen angekommen war und dort auf Platz zwei landete und tatsächlich zwei Relegationsspiele zum Aufstieg in die Regionalliga absolvieren durfte, was damals, in den neunziger Jahren, immerhin die dritte Bundesliga war; eine Liga, die unter Spielern, die seinerzeit dort am Ball waren, noch heute mit einer Mischung aus Ironie und Nostalgie "Nettoliga" genannt wurde. 

Ein kleiner, älterer Mann mit Pepita-Hut

Soll heißen: Die Vereine, Spieler und Sponsoren belästigten das Finanzamt nur in seltenen Fällen und zahlten die vereinbarten Prämien und Gehälter lieber gleich am Spieltag in Bargeld aus. Das begann sich zu rächen. Auch im Fall des Fußballclubs im kleinen B. Denn dort klopfte eines Tages das zuständige Finanzamt an und prüfte einmal gründlich die Bücher, in denen ganz offenbar eine ganze Menge von dem Geld, das in den Jahren zuvor geflossen sein musste, nicht auftauchte.

 Es war der Anfang vom Ende des Vereins; das alte Lied, die guten Spieler laufen weg, wenn sie keine Aufwandsentschädigung mehr erhalten, die Karawane zieht weiter, man versucht, Spieler aus niedrigeren Ligen zu integrieren, was selbstverständlich nicht funktioniert, denn warum sollten die plötzlich mithalten können. Und irgendwann ist man wieder dort angelangt, wo man rund 25 Jahre zuvor auch angefangen hat – in der Kreisliga, reich an Erinnerungen und Erfahrungen, finanziell mittellos.

Die Saison, in der wir uns auf dem Sportplatz in B. warmliefen, war jene Saison, in der der Verein mit einer nicht mehr wettbewerbstauglichen Mannschaft versuchte, noch zu retten, was nicht mehr zu retten war. Es war sozusagen die Abschiedssaison in dieser Klasse; das war allen klar. Drei Minuten vor Spielbeginn verließen wir die Kabine, um gemeinsam mit den Mannschaften auf den Platz zu laufen. Vor der Kabine wartete unser Betreuer, wie üblich, auch er hatte die besseren Zeiten des Vereins gesehen und auch die schlechteren davor, und ich könnte mir vorstellen, dass er sich noch heute in der 8. oder 9. Liga darum kümmert, dass die Schiedsrichter in B. in der Halbzeitpause etwas zu trinken bekommen und nach dem Spiel einen Imbiss; ein kleiner, älterer Mann, der in meiner Erinnerung stets einen Pepita-Hut trug, wie der ehemalige Eishockey-Trainer Xaver Unsinn. An diesem Abend jedenfalls, es war November, trug er den Hut ganz sicher; er würde ihn später noch brauchen.

Zunächst aber ging es darum, die Tür der Schiedsrichterkabine abzuschließen, deswegen wartete der Mann auf uns. Wir machten also die Tür hinter uns zu, und er drehte mit einer zielsicheren Bewegung die Türklinke aus ihrer Halterung. Wir schauten ihn an. Er grinste ein wenig verlegen. Der letzte Schlüssel, so sagte er, sei kürzlich abhanden gekommen, ein neues Schloss könne der Verein sich nicht leisten. Aber so käme ja auch niemand rein. Da hatte er recht. 

Man wird nicht Schiri, um Geld zu verdienen

Also gingen wir nach draußen, und in der Halbzeitpause und nach Spielschluss stand der brave Mann vor unserer Tür, holte die Türklinke aus seiner Manteltasche, brachte sie wieder an und öffnete uns formvollendet die Tür. Not macht tatsächlich erfinderisch. Und das Improvisationstalent unseres Betreuers wurde an diesem Abend noch einmal auf die Probe gestellt.

Nach dem Spiel, das die Mannschaft von B. erwartungsgemäß deutlich verloren hatte, und nach einer kalten Dusche (offenbar war auch die Reparatur des Warmwasserboilers nicht mehr im Budget vorgesehen), kamen wir in die Vereinsgaststätte, um unsere Spesen und unsere Fahrtkosten abzukassieren. Die werden gegen Quittung vom Heimverein ausbezahlt; am Ende der Saison werden die Quittungen beim Verband eingereicht, zusammengerechnet und durch die Anzahl der Vereine geteilt, sodass jeder Verein den gleichen Betrag an Schiedsrichterkosten bezahlt haben wird wie die Konkurrenz.

Dazu muss gesagt werden, dass man nicht Schiedsrichter wird, um Geld zu verdienen. Für den 14-Jährigen, der ich einmal war, waren die zehn Mark, die es für ein Jugendspiel gab, ein willkommener Aufschlag zum Taschengeld. Meistens pfiff ich aus Personalnot an einem Samstag zwei Jugendspiele hintereinander, das war nicht übel. Für einen erwachsenen Menschen allerdings, der Arbeit und auch sonst noch einiges an der Backe hat, ist das Schiedsrichterhobby eher ein Luxus.