Mitte der zweiten Halbzeit fragten sich viele, die Pep Guardiola beobachteten: Was macht der Mann denn da? Holt in Unterbrechungen seine Spieler zur Seitenlinie, weist ihnen mit expressivem Armkreisen neue Aufgaben zu, fuchtelt in der Luft, dass das Loch in seiner Hose noch ein Stück weiter aufreißt. Mach doch langsam, Pep! Deine Bayern führen 5:0.

Kurze Zeit später traf der Gegner zum 5:1, danach fast zum 5:2, ihm hätte dann nur ein Tor gefehlt. Um ein Haar wäre es noch spannend geworden, der Gegner hat die winzige Schwächephase der Bayern genutzt. Und Guardiola hat sie wie ein Barometer kommen spüren. Er ist ein Spieleleser.

Triumph offenbart Qualität Guardiolas

Das Rückspiel im Champions-League-Viertelfinale gegen den FC Porto war Guardiolas schwerste Aufgabe. 1:3 im Hinspiel, Kapriolen mit dem Teamarzt, eine lange Verletztenliste. Doch es wurde Guardiolas bislang größter Sieg mit dem FC Bayern, der beim 6:1 (alle Tore im Video) eine der besten Halbzeiten der deutschen Fußballgeschichte spielte. Und mit diesem Triumph die Qualität des Trainers Guardiola offenbarte.

War das dieselbe Mannschaft, die sich vor sechs Tagen zweimal schülerfußballhaft den Ball abnehmen ließ? War das dieselbe Mannschaft, die zwar auch vor sechs Tagen das Spiel lange dominierte, damals aber kaum aufs Tor schoss? Diesmal stieß und stürmte sie himmelsfegend in Portos Strafraum, entriss ihrem Gegner immer wieder den Ball, führte jeden Zweikampf, als wäre er der letzte. Der FC Bayern schrumpfte die zuletzt so starke Elf des FC Porto eine Hälfte lang fast auf HSV-Format. Und führte, beklatscht von einem entflammten Publikum, ein Reenactment von Belo Horizonte auf.


Es war Guardiolas Mannschaft. Die Bayern waren auch ohne ihn Triple-Sieger geworden, doch er hat ihren Stil noch mal verfeinert. Gut zu sehen an diesem Abend: Von Beginn an verlagerten sie das Spiel weit in Portos Hälfte, besetzten die Räume in austarierten Abständen und Winkeln, durchtrennten immer wieder die Abwehrlinien. In Guardiolas Teams stimmen die Details, etwa im Tempo der Pässe, beim Timing im Freilaufen oder wenn sich die Spieler den Ball von einem auf den anderen Fuß legen. Die Details erhöhen den Spielfluss.

Guardiola-Fußball ist initiativer, offensiver Fußball. Es ist Thiago-Fußball. Der leichtfüßige Spanier, den Guardiola mit aller Macht in die Bundesliga geholt hatte, war gegen Porto Antreiber, Wegbereiter und Torschütze. Als er kurz vor Ende ausgewechselt wurde, applaudierten nicht nur die Fans, auch die Mitspieler. Als die Mannschaft nach dem Spiel die Humba mit den Fans sang, zeigte die große Leinwand Thiagos Gesicht. Seine Lippen verrieten, er ist nicht ganz textvertraut mit teutonischen Feierriten. Doch das Lächeln des so lange Verletzten verriet großes Glück.

Flanken wie in Zeiten Wiggerl Kögls

Gegen Porto wurde auch sichtbar, wie variantenreich Guardiola angreifen lässt. So viele Flanken wie in der ersten Halbzeit dürfte man in München wohl zuletzt in der Zeit Wiggerl Kögls gezählt haben. Philipp Lahm gab einen fast klassischen Rechtsaußen. Die ersten drei Tore erzielten die Bayern, ungewöhnlich, mit dem Kopf.

Beide Außenverteidiger Portos waren gesperrt, also stärkte Guardiola die Flügel. Die Idee ist banal. Dass der Plan der Mannschaft so gut gelang, lag an ihrer Leidenschaft, aber auch am Feintuning des Trainers. Das Ideal führte sie beim 3:0 vor: Eine Kombination über mehr als 20 Stationen endete nach drei wohltemperierten, direkten Flugpässen von Thiago, Lahm und Müller bei Lewandowski und dann im Netz. Ein Tor von erlesener Schönheit, eine perfekte Mischung aus Präzision und Dynamik, dem Barca-Code und der Bayern-DNA. Die Arena in München war beseelt, manche Fans reagierten fast ungläubig.