KSC-Fans wollen sich gegen die "Bullenseuche" schützen. © Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images

Jetzt also Davie Selke. Der Wechsel des 20-jährigen Stürmers vom SV Werder zu RB Leipzig wird wieder zum Anlass genommen, tüchtig zu schimpfen. Auf den geldgeilen Selke, der für ein paar Euro mehr freiwillig in die Zweite Liga absteigt. Vor allem aber auf RB Leipzig, den Fußballbösewicht, der sich den Erfolg einfach kauft, dieses Marketingvehikel, der Brauseclub.

Es müsse möglich sein, Kritik an RB Leipzig zu äußern, hört man immer wieder. Als ob dies infrage stünde und diese Kritik in den vergangenen sechs Jahren nicht ausgiebig geäußert worden wäre. Interessant ist eher, wo die Grenzen der Kritik sind. Und wo sie weit über den Geschmack hinausgeht, selbst über den schlechten.

Vor ein paar Wochen blockierten Fans in Karlsruhe den Bus von RB, besuchten das Leipziger Teamhotel und beschimpften den Sportdirektor Ralf Rangnick. Sie präsentierten im Stadion ein Banner, auf dem sie zum Schutz vor der "Bullenseuche" aufriefen. Dazu trugen einige Fans einen Mundschutz.

Es ist legitim, sich von einer bestimmten Form moderner Kultur nicht begeistert zu zeigen und sich nicht "infizieren" lassen zu wollen. Aber mit der Seuche ist es nicht viel anders als mit Heuschrecken, Ratten und Ungeziefer. Alles Bilder, die schon im Zusammenhang mit RB Leipzig benutzt worden waren. Etwas Grundgesundes wird von etwas befallen, das bekämpft und vernichtet gehört.

Dass der KSC eine Choreographie toleriert, die den Gegner als Krankheit bezeichnet, ist, freundlich gesagt, unsensibel. So darf sich die eigene Fanszene auch von offizieller Seite bestätigt fühlen. Für den einen oder anderen ist so etwas das Signal, den Allgemeinwillen gegen die "Krankheit" noch konsequenter zu vollstrecken.

Reden wir über Regeln!

Die Vorfälle in Karlsruhe bestätigen das grundlegende Dilemma. Die Debatte um RB Leipzig ist eine oberflächliche, emotionale Bekenntnisdebatte: Bist du dafür oder dagegen? Die entscheidenden Fragen werden, wenn überhaupt, am Rande diskutiert. Wie stellen wir uns in Deutschland Profifußball vor? Wie sollen seine Vereine organisiert sein? Und wie soll der Wettbewerb zwischen ihnen gestaltet werden?

Auf diese Fragen gibt es keine einfachen Antworten, weil sie von komplexen juristischen und wirtschaftlichen Sachverhalten unterlegt sind. Bisher besteht die Praxis der Verbände darin, die Fragen zu umgehen, indem sie die Regeln unangetastet lassen und mögliche Probleme informell lösen.

Beispiele gibt es einige: Am wichtigsten ist vielleicht der juristische Vergleich mit Martin Kind, dem Präsidenten von Hannover 96. Durch den wurde die 50+1-Regel quasi abgeschafft, ohne sie formal abzuschaffen. Inzwischen kann jeder Verein oder dessen ausgegliederte Kapitalgesellschaft von einem Geldgeber auch mit mehr als 50 Prozent der Stimmen übernommen werden, wenn der Geldgeber seit mindestens 20 Jahren den Verein in erheblichem Maße gefördert hat. Dietmar Hopp profitiert als Erster und darf ab Juli 2015 auch offiziell der alleinige Bestimmer in Hoffenheims Kapitalgesellschaft sein.

Für viele Vereine ist es ein Spagat. Sie sind eingeklemmt zwischen ihren emotionalisierten Anhängern und der Realität des Wettbewerbs, zwischen Verständnis und Pragmatismus. Wenn man sich all die inhaber- und konzerngeführten Clubs allein in der Ersten Liga anschaut – Hannover 96, Bayer Leverkusen, der VfL Wolfsbug und bald auch die TSG Hoffenheim – stellt sich die Frage, ob überhaupt noch Regeln über die Organisationsformen gewünscht werden. Und wenn ja, wie sie aussehen sollen.