1) Wie ist die Leistung von Barcelona einzuordnen?

Das Halbfinale muss den Vergleich mit dem vor zwei Jahren aushalten, als die Bayern mit Trainer Jupp Heynckes den FC Barcelona 7:0 zerstörten. Damals waren aber die Verhältnisse anders: Lionel Messi war außer Form, im Rückspiel saß er sogar angeschlagen nur auf der Bank. Barcelona war auf Identitätssuche, litt am Abgang Pep Guardiolas. Die Bayern dagegen waren fast in Bestbesetzung, Franck Ribéry und Arjen Robben standen im Saft, Javi Martínez räumte im Mittelfeld auf.

Auch die Parallele mit dem 0:4 im Rückspiel gegen Real Madrid im Vorjahreshalbfinale ist leicht schief. Damals wich Guardiola von seiner Spielidee ab. Er stellte zwei Stürmer auf und Philipp Lahm in die Abwehr. Er gab also das Zentrum preis und ließ zudem mit Herz statt Kopf spielen. Dieses Mal war es anders. Er wollte den Ball und Barcelona kontrollieren. Doch Guardiolas Taktik scheiterte an seinen Spielern – und an Messi.

2) Sind die Bayern zu alt?

Insgesamt schon, zumindest bald. Man muss nur auf das Ü30-Mittelfeld schauen, das in Barcelona auf dem Feld stand. Xabi Alonso fehlt jegliche Dynamik. Bastian Schweinsteiger hat im Zweikampf Probleme mit wendigen Spielern wie Ivan Rakitić. Und Lahm ist doch nicht Peter Pan, er kam in Barcelona oft zu spät. Wann hat man ihn in einem wichtigen Spiel so schwer im Tritt gesehen? Auch die verletzten Ribéry und Robben haben nicht mehr viele Jahre Hochleistungsfußball vor sich.

3) Warum sind die Bayern so oft verletzt?

Gute Frage. Das könnte mit dem Alter zu tun haben, es könnte aber auch einfach Pech sein. Robben, Ribéry, Martinez, Alaba, Badstuber spielten in Barcelona nicht mit. Lewandowski, Lahm, Thiago, Schweinsteiger schon, aber kann man nach solchen langen, wiederkehrenden oder schweren Verletzungen mit dem FC Barcelona in der Form mithalten? Die Bayern konnten sich in dieser Saison jedenfalls kaum als Mannschaft auf Top-Niveau einspielen.

Zum Vergleich: Das Sturmtrio des Gegners, Messi, Neymar, Suárez, fehlt so gut wie nie. Auch Cristiano Ronaldo ist immer dabei. Wie machen die das?


4) Braucht der FC Bayern neue Spieler?

Sowieso immer, in nächster Zeit aber besonders. Ein Umbruch steht bevor, diese Mannschaft hat nicht mehr viel Zukunft. Karl-Heinz Rummenigge und Matthias Sammer müssen beweisen, ob sie gut einkaufen können. Suchen sie Spieler für Guardiolas Stil? Oder holt Guardiola neue Spieler selbst? Lassen sich Spieler wegen Pep nach München locken? Das hängt natürlich auch davon ab, wie lange er in München bleibt. Das weiß man nicht. Bis jetzt hat er seinen Vertrag, der noch ein Jahr läuft, nicht verlängert.

5) Kommt noch was von Mario Götze?

Wieder saß Deutschlands Messi nur auf der Bank, wie eine Woche zuvor gegen Dortmund. Obwohl so viele Konkurrenten fehlen. Franz Beckenbauer wirft ihm Unreife vor. Da ist vielleicht was dran. Guardiola ist es bislang nicht gelungen, Götze beim Erwachsenwerden zu helfen. Es spricht momentan mehr dagegen als dafür, dass es noch eine Erfolgsstory wird mit Götze in München.

6) Aber Deutschland ist doch Weltmeister?!

Vielleicht hängt ja der WM-Titel mit der 0:3-Niederlage zusammen. Für Deutschland siegten in Brasilien die Bayern Lahm, Müller, Neuer, Schweinsteiger, Götze. Nach einem solchen Erfolg wäre ein noch größerer Absturz verzeihlich. Das Spiel in Barcelona war ohnehin eine kleine WM-Revanche. Die Argentinier Messi und Mascherano verloren in Rio. Aber auch der Brasilianer Neymar, der beim 1:7 im Halbfinale fehlte, hatte was gutzumachen gegen die Deutschen. Und zur Erinnerung: Jérôme Boateng, der nun wegen seines Knöchelbruchs (ankle breaker nennt man im Amerikanischen den kontaktlosen Faller des Abwehrspielers nach einer Finte des Gegners) den Schaden hat und den Spott, war im WM-Finale Sieger gegen Messi. Das geht halt nicht immer.


7) Was sagt die Niederlage über Guardiola?

Seine Taktik war zu riskant. Die Dreierkette, mit der er am Anfang spielen ließ, hätte ihn schon zu Beginn fast aller Chancen beraubt. Das gab Barcelona Auftrieb. Wenigstens eine knappe Niederlage wäre aber mit mehr Vorsicht drin gewesen. Wozu haben die Bayern Guardiola eigentlich geholt, werden nun einige fragen. Das Triple gewannen sie schließlich ohne ihn. Und da weckt die Niederlage in Barcelona noch eine Erinnerung: die an Jürgen Klinsmann. Der verlor vor fünf Jahren 0:4 in Barcelona, auch er musste damals auf viele Spieler verzichten. Phasenweise sah Guardiolas Elf ähnlich unterlegen aus. Klinsmann-Vergleiche sind in München die Höchststrafe.

8) Darf Pep weitermachen?

Ganz bestimmt. Er wurde zweimal auf beeindruckende Art Deutscher Meister, erreichte immerhin zweimal das Halbfinale der Champions League. Er hat das Spiel der Triple-Bayern verfeinert, so gut wie in Manchester im Herbst 2013 hat wohl noch keine deutsche Mannschaft kombiniert. Den Rückhalt vieler seiner Spieler und der Vereinsführung hat er jedenfalls, weil sie ihn als Fachmann schätzen.

9) Gibt’s noch eine Chance im Rückspiel?

Kaum. Barcelona spielt seit einiger Zeit so stark, die Leistung im Hinspiel war kein Zufall. Gegen Messi in dieser Form ist nicht viel auszurichten. Die Bayern dagegen erreichen ihre Leistungsgrenze seit dem Herbst eher selten, selbst beim 6:1 gegen Porto "nur" eine Halbzeit lang. Das Pokal-Aus gegen Dortmund hat ihnen sicher keinen Rückenwind verliehen, zwischendurch verloren sie noch gegen Leverkusen. Das 0:3 war also die dritte Niederlage in einer Woche. Das nimmt jeder Mannschaft ein bisschen Selbstvertrauen. Aber hey, eine Chance gibt’s immer.

10) Und eins noch: Ist es ein Fehler, Thomas Müller auszuwechseln?

Immer.