Da vorne steht dieser Mann, klein und alt. Er redet Englisch mit heftigem Akzent, stockt immer wieder, verliert den Faden, macht lange Pausen. Wenn er doch flüssig redet, sagt er Sätze wie: "Wir sollten uns fragen, ob unser Spiel eines Tages auf einem anderen Planeten gespielt wird. Warum nicht? Wir hätten dann nicht nur eine Weltmeisterschaft, sondern interplanetare Wettbewerbe. Warum nicht?"

Der Mann, der so auf dem Fifa-Kongress 2014 in São Paulo spricht, ist Sepp Blatter. Er wirkt aber nicht wie der mächtigste Mann des Weltsports, sondern wie ein vergesslicher Großvater. Nur trauen sich seine Enkel, die Fifa-Delegierten, Blatter nennt sie die Fifa-Familie, nicht zu kichern.

Kaum zu glauben, dass dieser Endsiebziger derjenige sein soll, der mit der selbst bescheinigten Zähigkeit einer Schweizer Bergziege alle Affären übersteht. Und der auch jetzt nicht aufgibt, obwohl gerade ein Sturm über ihn hinwegzieht, der jede Bergziege ins Tal geweht hätte.

Wenn er etwas sagt, wird es peinlich

Dabei hat Blatter weder das Charisma, das man von einem Mann seiner Position erwartet. Noch sagt er sonderlich schlaue Dinge. Allenfalls eine gewisse Bauernschläue kann man ihm bescheinigen. Wenn er mal originell sein will, wird es peinlich. Eine kleine Auswahl:

"Das ungeborene Kind im Mutterleib boxt nicht mit den Händen, es benutzt nicht den Kopf – es kickt."

"Die Fifa ist durch die positiven Emotionen, die der Fußball auslöst, einflussreicher als jedes Land der Erde und jede Religion."

"Ich würde sagen, Schwule sollen in Katar einfach keinen Sex haben."

"Durch den Fußball werden wir alle bessere Menschen. Wo Fußball gespielt wird, wird nicht gekämpft. Wenn also alle Menschen Fußball spielen würden, gäbe es keine Kriege – aber es spielt nicht jeder Fußball."

Sein Twitter-Account wirkt oft, als hätte ihn Der Postillon gehackt.

Dennoch: Jetzt, wo es zum ersten Mal richtig eng wird, bleibt er Herr des Verfahrens. Er wird auch an diesem Donnerstag durch die Hinterzimmer in Zürich gestreift sein, wird Funktionäre umgarnt und durchgezählt haben. Auf die Verbände in Asien und Afrika kann er sich wohl verlassen. Die Uefa hat sich entschieden, die Wahl doch nicht zu boykottieren. Ein kleiner Sieg für Blatter. Gut möglich, dass er am Freitag wiedergewählt wird. Zum fünften Mal. Aber wie macht er das?

Geschenke und Zuneigung

Eigentlich ist es ganz einfach. Das System Blatter ist ein System der Geschenke und Zuneigung. 750.000 US-Dollar versprach er auf dem vergangenen Fifa-Kongress jedem Nationalverband als Bonus, einfach so, obendrauf. Das klingt gut und gerecht. Für die kleineren Verbände ist das sehr viel Geld. Was mit dem Geld passiert, ist zweitrangig. Und weil die Cook-Inseln bei der Fifa genauso viele Stimmen haben wie Deutschland, eine nämlich, darf sich der spendable Blatter seiner Unterstützer sicher sein.

Zumal die Vertreter etlicher exotischer Länder nicht viel anfangen können mit westeuropäischen Anti-Korruptionsstandards. Und wenn doch mal jemand widerspricht, zeigt Blatter auch, wer am längeren Hebel sitzt. Am Tag nach der Präsidentenwahl etwa wird über die Quoten für die WM-Startplätze entschieden.

Blatter sieht sich auch als Friedensstifter. Immer wieder beschwört er mit viel Pathos die einigende Kraft des Fußballs. Er ist der Zeremonienmeister des neuen Kults. Und seinen Fifa-Familienmitgliedern berichtet er regelmäßig, wie gut es dem Fußball und vor allem der Fifa geht. Rekordgewinne hier, funkelnde Weltmeisterschaften da. Blatter schafft es, auch dem kleinsten Verbandschef das Gefühl zu geben, er gehöre dazu, habe Anteil an der wahren Weltreligion, Fußball.

Westen zählt nicht mehr viel

"Er kennt den Namen jedes Vorsitzenden der Nationalverbände, und den ihrer Frauen", sagte Michael van Praag, der als Gegenkandidat vor ein paar Wochen zurückzog, der Financial Times. Blatter kann aber auch mit Logen, Champagner, Erste-Klasse-Flügen überzeugen. Er ist die Eintrittskarte in die große Welt.

Blatter war schlau genug, zu erkennen, dass die Welt sich ändert. Dass der Westen im Weltsport nicht mehr viel zählt. Dass es sich lohnt, auf die Macht und Stärke der neureichen Länder wie Russland oder Katar zu setzen. Dort interessiert keinen, wie man eine WM bekommt, sondern nur ob.