Weiße Taschentücher hatten die Schalke-Fans mitgebracht, damit wedelten sie in ihrem Block zu Tausenden gemeinsam und sangen Schmähendes über ihre Gegner. Die Blau-Weißen waren nicht nur nach Hamburg gereist, um Cola-Asbach auf der Reeperbahn zu trinken und durch die Herbertstraße zu ziehen. Sie wollten auch den HSV in die Zweite Liga schubsen.

Wie den Schalke-Fans geht es vielen. Der HSV war mal ein Verein, gegen den man nicht viel haben konnte, wenn man nicht gerade St.-Pauli-Fan ist. Manche mochten ihn, andere weniger, den meisten war er egal. In den letzten Jahren hat sich das gewandelt. Erst kam die Häme in Mode, doch längst sind alle Witze über den HSV erzählt. Heute hoffen, wünschen, flehen viele, er möge endlich absteigen.

Gegen Schalke schien der historische Moment gekommen, selbst Schalkes Ex-Manager Rudi Assauer war im Stadion. Unter Umständen hätte den Hamburgern nicht mal ein Sieg geholfen. Doch weil die Konkurrenz zumindest teilweise mitspielte, konnte sich der HSV erneut in die Relegation stehlen. Es wird zwei Entscheidungsspiele geben – gegen Karlsruhe, Kaiserslautern oder Darmstadt. Und jährlich nervt der HSV.

Die Gründe für die zunehmende Abneigung sind vielfach erzählt worden: Trainerwechsel im Quartalstakt, verfehlte Vereinspolitik, Kühne-Nähe, Stümperei am Ball. 

Tiefpunkt der Minderleistungen

Unvergessen ist der Tiefpunkt der Minderleistungen im Vorjahr, als die Hamburger mit dem Minusrekordwert von 27 Punkten in der Liga und zwei Unentschieden in der Relegation die Klasse hielten. Der Stolz der HSV-Fans auf ihr Alleinstellungsmerkmal, die Erstliga-Zugehörigkeit seit 1963, ja 1919, die unabsteigbare Dino-DNA, geht einigen auf den Keks.

Hinzu kommt, dass der HSV naturgemäß mit kleineren Sympathieträgern wie Braunschweig, Fürth oder Paderborn konkurriert. Diesmal hat es everybody's darling Freiburg erwischt. Die kleinen Clubs müssen ihre Spieler immer verkaufen. Der HSV hingegen verpulvert zig Millionen für Spieler, die mal gut waren oder sind, in Hamburg dann aber nicht mehr.

Wieder mal schrecklich

In den beiden vergangenen Spielen gegen Freiburg und Stuttgart war der HSV wieder mal schrecklich. Die HSV-Genervten spürten, ihre Zeit schien gekommen. Die Fanclubs von St. Pauli kündigten an, den Abstieg des HSV auf dem Kiez zu feiern. "Runter kommen sie immer", titelte die konservative FAZ auf Seite eins und zeigte ein Schwarz-Weiß-Bild vom fliegenden Uwe Seeler. In der Bildunterschrift stand: "Fußball kann, wenn er nicht vom HSV gespielt wird, eine interessante Angelegenheit sein."

So tönten die Schalker schon vor dem Spiel am Hauptbahnhof: "Nie mehr Erste Liga – HSV!" Dieser Slogan war auch ihr Refrain während des Spiels. Etwa bei den beiden Toren des VfB Stuttgart, des Teams, das der HSV überholen wollte. Die Treffer wurden zwar nicht auf der Leinwand gemeldet, aber die Schalker teilten sie dem Stadion auf ihre Art mit. Gehobene Laune, weiße Tücher, Abgesänge.

Als hätte Spielberg seine Hände im Spiel

Die Schalker Spieler konnten den Wunsch ihrer Fans nicht erfüllen, im Gegenteil, sie spielten schwach. Der HSV wusste das zu nutzen. Auch schien er von der Gelbsperre Rafael van der Vaarts zu profitieren. Ein gut aufgelegter Gojko Kacar, ein solider Tormann René Adler und zwei krumme Standardsituationen genügten zum verdienten Sieg. 

Der Dino war wiederbelebt, mit einer Dramaturgie, als hätte Steven Spielberg seine Hände im Spiel. Vielleicht sollte der Investor Klaus-Michael Kühne das Stadion nicht in Volkspark, sondern in Jurassic Park umbenennen.


Weil Freiburg in Hannover der Ausgleich nicht mehr gelang, geht der HSV in die Relegation. Man konnte die Nordkurve nach vielen schlafarmen Nächten nach dem Abpfiff durchschnaufen hören, man sah Erleichterung in den Gesichtern von Sportchef Peter Knäbel und von Präsident Dietmar Beiersdorfer

"Wer erlöst uns endlich vom HSV?"

Der HSV rettet sich aber auch wieder mit nur 25 erzielten Toren. Zieht man Elfmeter, Ecken, Freistöße und Eigentore ab, bleiben nicht mal ein Dutzend. Angesichts dieser Zahl und der fast unanständig schlechten Schalker kotzten die vielen HSV-Genervten wieder im Strahl.

"Wer erlöst uns endlich vom HSV?" Oder: "Dann halt in der Relegation!", waren sicher, dazu braucht man keine NSA, die meistgeschickten Whatsapp-Nachrichten am Samstag zwischen 17.20 und 17.30 Uhr. Von Mitfreude über eine geglückte Wende oder Gratulationen kein Wort, allenfalls Erstaunen über so viel Überlebensfähigkeit.

"Bitte nicht Kaiserslautern"

Und was macht das eigentlich mit den HSV-Fans, dass andere ihren Verein so dissen? Bauen sie eine Wagenburg, radikalisieren sie sich? Wie sehen sie überhaupt aus, die radikalisierten Hanseaten? Zum Beispiel wie acht junge Männer aus Ottensen und Altona. Sie trugen Jeans und Chucks, aber auch Barbarez-Trikots und Schiffermützchen mit der Raute. In einer Kneipe in Eimsbüttel mit verrauchten Gardinen und Jukebox mit Maffay-Schlagern sagten sie am Abend Sätze wie:

"Verdienten Erfolg erhoffe ich schon gar nicht mehr, in solchen Kategorien denke ich nicht mehr."

"Bitte nicht Kaiserslautern."

"Wir haben die billigste Dauerkarte der Liga: siebzehn Heimspiele plus einmal Relegation, also immer ein Spiel mehr."

"Wir strapazieren die Gerechtigkeitsgefühle vieler Menschen."

"Aber egal. Wieder sind zwei schlechter als wir. Immer Erste Liga! Nur der HSV!"

Am kommenden Donnerstag und dem darauffolgenden Montag geht das Spielchen weiter.