Dennis Schröder ist erst der neunte Deutsche in der besten Basketballliga der Welt. Alle vor ihm waren groß, was bedeutete, sie hatten auch größere Chancen sich durchzusetzen. Schröder ist klein, für einen Basketballer zumindest. Er misst nur 1,85 Meter, ist 21 Jahre alt, und hat sich schon in seiner zweiten Saison auf der am schwierigsten zu meisternden Position des Spielmachers einen Namen gemacht – auch wenn die meisten Amerikaner ihn nicht aussprechen können. 

Dieses mittelgroße Sportwunder war nur möglich, weil der Herztod seines Vaters vor fünf Jahren den wilden, eitlen und eigensinnigen Rotzlöffel Dennis nicht vollends aus der Bahn warf, sondern einen Wandel zum Guten bewirkte. Nur eine Woche vor dem Drama habe er seinem Vater versprochen, es in die NBA zu schaffen, sagt Schröder. Dieses Versprechen habe er natürlich halten wollen. Und kaum ließ er sein Talent nicht mehr nur lässig aufblitzen, sondern veredelte es mit Fokus und Fleiß unter Anleitung seines Mentors Liviu Calin, ging es sehr schnell sehr steil nach oben: Mit 19 beendete Schröder sein zweites Jahr in der Ersten Bundesliga als "Most Improved Player" und jüngster deutscher All-Star aller Zeiten, die USA im Visier. Zwei Jahre später hat er sich auch in den größten Hallen Respekt erspielt. "Und mein Vater schaut von oben auf mich herab."

Früher waren die Hawks die Füllmasse der Liga

Eine bittersüße Bilderbuchstory, die bei Reportern und Fans im Land des unbegrenzten Pathos gut zieht, aber das macht sie nicht weniger wahr oder beeindruckend. Schröder lungert ja tatsächlich nicht mehr an der Halfpipe im Braunschweiger Prinzenpark rum und arbeitet auch nicht im Afro-Friseursalon seiner aus Gambia stammenden Mutter, sondern als Athlet in der wohl spektakulärsten, schnellsten und glamourösesten Sportliga dieses Planeten. Hier bringen Gegenspieler und Trainer den Jungspund oft noch erkennbar an seine Grenzen, doch Schröder wächst mit seinen Aufgaben: Im März etwa sammelte er gegen die Lakers 24 Punkte und 10 Vorlagen und entschied die Partie per Korbleger.

Nun hat Schröders Team hat in der Nacht zu Mittwoch das NBA-Halbfinale glatt mit 0:4 Spielen gegen die Cleveland Cavaliers verloren. Und nun hat ihn der Coach in den letzten beiden Partien kaum noch aufs das Parkett gelassen. Doch einerseits wühlte und zauberte, dunkte und dirigierte auf der Gegenseite der beste Basketballer der Welt, LeBron James, auf fast heiliger Mission für seine gebeutelte Heimatstadt, ohne nennenswerte Schwächen wie ein Endgegner im Computerspiel. Andererseits hatte noch zu Saisonbeginn kein Experte Schröders Mannschaft nennenswerte Erfolge in den Playoffs zugetraut.

Auch ihm selbst war im Juni 2013 nach der ersten riesigen Freude morgens um zwanzig nach drei vor dem Fernseher klar, dass sich gerade bei der jährlichen Talentbörse nicht etwa die legendären Boston Celtics oder L.A. Lakers die Rechte an ihm gesichert hatten. Oder die als langweilig verschrienen, aber konstant erfolgreichen San Antonio Spurs. Oder eines der Teams mit zumindest klangvollen Namen wie New York Knicks oder Chicago Bulls. Er war ab jetzt Teil der Atlanta Hawks, Durchschnitt, Füllmasse in der Liga seit Menschengedenken. Ein Team ohne Stars, in die lange, harte Saison geführt von einem Mann namens Mike Budenholzer, der noch nie zuvor Headcoach gewesen war.

Im Rückblick stellte sich all das als perfekt heraus. Während Schröders erster Saison, die er teils im Nachwuchsteam verbrachte, entwickelte sich in Atlanta eine außergewöhnliche Teamchemie. Und in dieser Saison gewann Atlanta 19 Spiele in Serie (nur fünf Teams der NBA-Geschichte waren besser) und beendete die reguläre Saison mit einer Bilanz von 60:22. Ein Zahnrad in der Team-Maschine: Dennis Schröder, mit weniger Ballverlusten und mehr cojones denn je: Darauf, dass die Macher des populären Videospiels NBA 2K15 dem Pixel-Dennis keine Dunk-Skills einprogrammiert hatten, reagierte er mit einem aggressiven Abschluss über den alten und den neuen Defensiv-Anker des Champions aus San Antonio hinweg: