Was ist passiert?

Mehr als ein Dutzend Zivilbeamte der Kantonspolizei Zürich erschienen am frühen Mittwochmorgen im Luxushotel Baur au Lac, ließen sich die Zimmernummern etlicher Fifa-Funktionäre geben und nahmen sechs Offizielle fest. Wie Unfallopfer wurden die Funktionäre hinter großen weißen Tüchern aus den Seitenausgängen des Hotels geleitet. Das geschah im Rahmen der internationalen Rechtshilfe auf Bitten der amerikanischen Justiz. Im Verlauf des Vormittags wurde ein weiterer Funktionär festgenommen, teilte das Schweizer Bundesamt für Justiz mit.


Darüber hinaus hat die Schweizer Bundesanwaltschaft bereits am 10. März ein zweites Verfahren eingeleitet. Dafür hat sie am Mittwoch am Hauptsitz der Fifa in Zürich elektronische Daten und Dokumente sichergestellt. Zuvor ordnete sie bei verschiedenen Finanzinstituten in der Schweiz die Erhebung betreffender Bankunterlagen an.

Wer ist betroffen?

Zwar nicht Sepp Blatter persönlich, aber laut New York Times zwei Vizepräsidenten des Exekutivkomitees, der höchsten Institution des Fußball-Weltverbandes. Die Beschuldigten:

Jeffrey Webb von den Cayman Islands, Vizepräsident der Fifa und Präsident des mittelamerikanischen Kontinentalverbandes Concacaf

Eugenio Figueredo aus Uruguay, Vizepräsident der Fifa und ehemaliger Präsident des südamerikanischen Kontinentalverbandes Conmebol

Jack Warner aus Trinidad und Tobago, ehemaliger Vizepräsident der Fifa und ehemaliger Präsident der Concacaf

Eduardo Li aus Costa Rica, sollte eigentlich ins Fifa-Exekutivkomitee einziehen

Julio Rocha, Präsident des nicaraguanischen Fußballverbandes

Costas Takkas, ehemaliger Präsident des Fußballverbandes der Cayman Islands

Rafael Esquivel, Präsident des venezolanischen Fußballverbandes

José Maria Marin, ehemaliger Präsident des brasilianischen Fußballverbandes (auch dadurch bekannt geworden, dass er gerne mal etwas in die eigene Tasche steckt)

Nicolás Leoz aus Paraguay, ehemaliges Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees und ehemaliger Präsident des Conmebol

Beschuldigt werden auch fünf Vertreter von Sportvermarktungsunternehmen.

Einige der Genannten sind bereits aus der Fifa ausgeschieden. Jack Warner, eine Schlüsselfigur und langjähriger Stimmenbeschaffer von Sepp Blatter, trat bereits im Juni 2011 von seinen Fußballämtern zurück. Er wurde unter anderem verdächtigt, für die Fifa-Präsidentenwahl 2010 Stimmen gekauft zu haben. Durch seinen schnellen Rücktritt gilt er bei der Fifa jedoch als unschuldig.

Nicolás Leoz trat im April 2013 zurück. Er wurde beschuldigt, für seine Stimme für England im Rahmen der Bewerbung zur Fußball-WM 2022 verlangt zu haben, zum Ritter geschlagen zu werden.

Was sind die Vorwürfe?

Es geht um zwei separate Verfahren. Das für Fußballfans wohl relevantere ist das der Schweizer Bundesanwaltschaft. Das beschäftigt sich mit den umstrittenen WM-Vergaben 2018 nach Russland und 2022 nach Katar. Es geht um den Verdacht der "ungetreuen Geschäftsbesorgung" und Geldwäsche. Zehn Mitglieder das damaligen Exekutivkomitees sollen nun vernommen werden. Laut des britischen Guardian sind das Issa Hayatou, Angel Maria Villar Llona, Michel D’Hooghe, Senes Erzik, Worawi Makudi, Marios Lefkaritis, Jacques Anouma, Rafael Salguero, Hany Abo Rida und Witali Mutko. Nicht ausgeschlossen also, dass sich an der WM-Front noch etwas tut, was nicht nur Fußballfreunde aufatmen lassen würde, die nicht besonders hitzeresistent sind und keine Wüsten oder Kriegsparteien mögen.

Die Funktionäre, die dagegen am Morgen in Zürich festgenommen wurden, werden verdächtigt, Bestechungsgelder von über 100 Millionen Dollar angenommen zu haben. Dabei soll es um die Zeit von Beginn der Neunzigerjahre bis heute gehen. Diese Verdächtigungen haben direkt nichts mit WM-Vergaben zu tun, sondern mit Bestechungen rund um TV- und Vermarktungsrechte, ähnlich wie beim großen Fifa-Skandal um die Marketingfirma ISL.

In einer Mitteilung des Schweizer Bundesamtes der Justiz heißt es: "Die mutmaßlichen Bestecher – Vertreter von Sportmedien und von Sportvermarktungsunternehmen – sollen in Zahlungen an hochrangige Fußballfunktionäre – Delegierte der Fifa und andere Funktionäre von Fifa-Unterorganisationen verwickelt gewesen sein." Als Gegenleistung hätten sie Medien-, Sponsoring- und Vermarktungsrechte an Fußballturnieren in den USA und Lateinamerika erhalten.

Die sichergestellten Daten, Akten und Bankunterlagen sollen übrigens sowohl dem Schweizer Strafverfahren als auch dem US-amerikanischen dienen.

Was hat das FBI mit der Fifa zu tun?

Das FBI und das US-amerikanische Justizministerium schalteten sich in den Fall ein, weil mutmaßliche Straftaten in den USA abgesprochen und vorbereitet worden waren und Zahlungen über US-Banken abgewickelt worden sind. Das FBI ist daher die wohl größte Gefahr für die Fifa. Die Behörde kooperiert seit 2011 mit Chuck Blazer, einem langjährigen Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees, der mit seiner Mitarbeit einer Haftstrafe entgehen will. Blazer soll bei den Olympischen Spielen 2012 in London per verstecktem Mikrofon Aufzeichnungen von Funktionärsgesprächen gemacht haben. Seit 2011 ermittelt das FBI also gegen die Fifa. Nach dem Wirbel um den noch immer unveröffentlichten Report des von der Fifa eingesetzten Ermittlers Garcia setzen viele, die auf Aufklärung hoffen, vor allem auf die Amerikaner. Die Schweizer Behörden ermitteln auf Initiative der Fifa. Die Schweiz hat ein Abkommen mit den USA, sie übernimmt die Strafverfolgung für amerikanische Behörden. Bloß Steuerbetrüger sind davon ausgenommen.