Oh, Ironie! Da holen Polizisten im Zürcher Luxushotel Baur au Lac ein halbes Dutzend Fifa-Funktionäre aus ihren Zimmern, da filzen Beamte den Fußballtempel am Zürichberg – und nur ein paar Stunden später tritt der Schweizer Sportminister Ueli Maurer in Bern vor die Medien, um sein Sportförderungsprogramm vorzustellen. Denn: "Sport ist auch wirtschaftlich wichtig."

Ja, Sport ist in der Schweiz eine Boombranche. Weniger auf dem Platz, der Piste, der Rennbahn oder dem Golf-Green als vielmehr in den Teppichetagen. Allein in und um Lausanne, wo seit 100 Jahren das Internationale Olympische Komitee sitzt, hat sich seit der Jahrtausendwende die Zahl der Sportverbände und -organisationen mehr als verdoppelt. Von der Uefa über die weltweite Golfergemeinde bis hin zu den organisierten Wettkampf-Bowlern – sie alle haben ihren Hauptsitz am Genfersee. Ökonomen würden neudeutsch von einem Cluster sprechen. Hinzu kommt der Internationale Skiverband im bernischen Oberhofen. Sowie in Zürich die Eishockeyaner – und eben: die Fifa in ihrem Protzbau über der Stadt.

Kein Wunder, dass sich die 65 internationalen Sportverbände in der Eidgenossenschaft wohlfühlen. Sie werden schließlich von Staates wegen gehegt und gepflegt.

Direkter Draht zur Regierung

In Lausanne müssen sie in den ersten zwei Jahren keine Miete zahlen. Steuerbefreit sind sie dauerhaft. Und sie haben einen direkten Draht in die Regierung. Erfolgreiche Standortförderung nennt man das. Und diese lohnt sich: Allein am Genfersee rollen dank den Sportverbänden jährlich 550 Millionen Franken in die heimische Wirtschaft. In der ganzen Schweiz soll es etwa eine Milliarde Franken sein. So steht es in einer kürzlich veröffentlichten Studie.

Die Sportfunktionäre haben ordentliche Löhne, zahlen anständig Steuern, die Verbände investieren in ihre Hauptsitze, organisieren Sitzungen und Kongresse, was die Restauranteure und Hoteliers freut. Selbst Juristen, von denen es in der Schweiz mehr als genug gibt, schneiden sich eine Stück vom Kuchen ab: Sie spezialisieren sich auf Sportrecht. Ja, die Liebe der Welschen zu "ihren" Sport-Apparatschiks geht soweit, dass sie bald eine Metro-Station in "Ouchy Olympique" umtaufen wollen.

Aber auch in der Deutschschweiz geht man pfleglich mit den Herren Funktionären um. Die Fifa bezahlt nur halb so viele Steuern auf ihren Gewinn wie eine normale Firma; weil der milliardenschwere Weltfußballverband weiterhin als Verein organisiert ist. Im Jahr 2014 flossen so 36 Millionen Franken in die Staatskasse. So viel wie noch nie. Und der heurige Fifa-Kongress in Zürich zu den Top-Events des Jahres. Gegen 1.000 Fußball-Menschen tummeln sich in der Stadt. Rund 5.000 Übernachtungen bescheren sie den Hoteliers. Und geschlafen wird nur in Luxus-Bleiben: Dolder Grand, Kameha Grand, Marriott – oder eben: im Baur au Lac. Für den Kongress selbst hat die Fifa das Hallenstadion angemietet, wo normalerweise die ZSC Lions ihre Eishockeymatchs austragen. Gleich für die ganze Woche.

Auf einer Stufe mit afrikanischen Despoten

Die offizielle Schweiz hat immer wieder die schützende Hand über die Sepp Blatters & Co. gehalten. Zum Beispiel 2004, als das Parlament eine Europarat-Konvention gegen Korruption umsetzte – und die Sportverbände bewusst von den neuen Regelungen ausschloss. Und erst am 20. März wies der Nationalrat eine – allerdings äußerst schludrig verfasste – Petition der Jungsozialisten ab, die forderte: "Schluss mit der Steuerbefreiung für die Fifa." Eine "Lex Fifa" war damit vom Tisch.

Ob die turbulenten Ereignisse von diesem Mittwoch am kuschligen Umgang der Schweiz mit "ihren" Sportverbänden etwas ändern werden?

Abwarten! Zwar entrüsten sich dieser Tage Schweizer Politiker von links – "Aufräumen!" – bis rechts: "Unser Umgang mit diesen Sportfunktionären ist schon lange ein Reputationsrisiko". Und selbst das bisher Fifa-freundliche Boulevardblatt BLICK titelte am Donnerstag: "Es reicht, Herr Blatter!" Aber eben: Empörung ist gratis. Die Konsequenzen kosten.

Immerhin gelten Fifa-Präsident Joseph Blatter und IOC-Präsident Thomas Bach seit Kurzem als sogenannte politically exposed persons (PEP), ihre Kontobewegungen werden von den Schweizer Banken genau kontrolliert – die Herren stehen damit auf einer Stufe mit afrikanischen Despoten und zentralasiatischen Autokraten. Die Maßnahme ist Teil einer ganzen Reihe von gesetzlichen Änderungen, die seit 2012 aufgrund eines Korruptionsberichts des Bundesamts für Sport umgesetzt wurden. Und bereits nächste Woche verhandelt die kleine Parlamentskammer die Revision des Korruptionsstrafrechts. Geht es nach den linken Parteien soll Privatbestechung zu einem Offizialdelikt werden. Das gälte dann auch für Schmiergeldzahlung bei Fußball-WM-Vergaben.