ZEIT ONLINE: Frau Walther-Ahrens, Sie waren die erste Frau im Präsidium des Berliner Fußballverbands. Nun sind Sie zurückgetreten. Warum?

Tanja Walther-Ahrens: Frauen werden im deutschen Fußball noch immer nicht ernst genommen. Frauenfußball gilt als Anhängsel, als schlechte Version des Männerfußballs. Doch der ewige Vergleich mit dem Männerfußball schadet den Frauen. Den kann man nur verlieren.

ZEIT ONLINE: Wie sieht diese Niederlage aus?

Walther-Ahrens: Es sagt natürlich kaum jemand: "Ich mag Frauenfußball nicht." Aber wenn es eng wird, gehen halt immer die Jungs und die Männer auf den guten Platz. Von den Frauen lassen die sich den nicht wegnehmen. Und das Klischee von der lesbischen Fußballerin hält sich, dabei ist der Frauenfußball vielfältiger geworden.

ZEIT ONLINE: Haben Sie Diskriminierung persönlich erfahren?

Walther-Ahrens: Fußball ist vielerorts eine große Männerrunde. Ich hatte oft das Gefühl, ich verderbe ihnen den Spaß, wenn ich dazu stieß. Dann konnten sie nicht mehr dieselben Witze machen. Es kommt natürlich immer drauf an, ab wann man sich diskriminiert fühlt. Das hängt bei mir auch manchmal von der Tagesform ab. Deutsche Frauen erleben Diskriminierung fast alltäglich. Vorbehalte gegen Frauen, die Fußball spielen, habe ich übrigens auch in den Neunzigern an der Uni erlebt.

ZEIT ONLINE: Wie äußert sich Geschlechterdiskriminierung im Fußballalltag?

Walther-Ahrens: Es fallen Sprüche wie: "Was wollt Ihr denn hier?" Standard ist auch der Trainersatz: "Stell Dich nicht so an wie ein Mädchen!". Wer das jahrelang hört, bei dem verfestigt sich ein Bild. Und über gendergerechte Sprache habe ich mir den Mund fusselig geredet.

ZEIT ONLINE: Viele Fußballerinnen stört gar nicht, wenn von Mannschaft oder Tormann die Rede ist.

Walther-Ahrens: Ich weiß. Dennoch fängt es so an. Sprache verrät und bestimmt unser Denken. Suchen Sie mal auf der DFB-Website fussball.de eine Torjägerin. Werden Sie nicht finden.

ZEIT ONLINE: Sie waren als Expertin in den Sportausschuss des Bundestags geladen. Dort erzählten Sie, dass "Mädchen mit kurzen Haaren und Fußballtalent von Eltern des gegnerischen Teams fast auf die Toilette gezogen werden, damit dessen Geschlecht geprüft wird".

Walther-Ahrens: So weit kam es am Ende nicht. Aber solche Forderungen wurden erhoben. Heißt: Spielt ein Mädchen gut Fußball und hat vielleicht kurze Haare, weckt das Argwohn. Als könnten Mädchen kein Talent haben. Wir leben im Jahr 2015.

ZEIT ONLINE: Sie haben selbst Fußball gespielt. Mussten Sie sich gegen Ihre Eltern durchsetzen?

Walther-Ahrens: Gegen meine Oma. Meine Mutter hat mich immer unterstützt. Mein Vater war anfangs skeptisch. Als ich dann Hessenauswahl und Bundesliga spielte, war er stolz.

ZEIT ONLINE: Gab es andere Widerstände?

Walther-Ahrens: Ich bin in einem Dorf in Hessen großgeworden. Als ich bei den Jungs in der Mannschaft spielte, wurde viel geredet. "Geht doch nicht, dass ein Mädchen Fußball spielt." Aber ich war ohnehin ein kleiner Wildfang. "Ist halt Tanja", hieß es dann. Ich war sozusagen geschlechtslos.

ZEIT ONLINE: Welche Erfahrungen haben Sie mit Verbänden gemacht?

Walther-Ahrens: Sie schmücken sich gerne mit schönen Broschüren, aber ernst meinen es die wenigsten.

ZEIT ONLINE: Als Wolfgang Niersbach auf Theo Zwanziger als Präsident folgte, löste der DFB die Kommission für Nachhaltigkeit auf, in der Sie saßen.

Walther-Ahrens: Der Wechsel an der Spitze betraf mich. Dass der DFB die Kommission unter Vorwänden strich, spricht nicht für seinen Wunsch nach Nachhaltigkeit. Ich wurde nie wieder vom DFB befragt.