Lieber KSC, mein Verein!

In Hamburg, der Stadt des gepflegten Understatements, wissen sie wieder einmal schon, wie die Sache ausgeht, bevor es überhaupt losgegangen ist: "Es ist egal gegen wen wir spielen, wir schlagen jeden." So hat es ihr Torwart René Adler noch vor dem Anpfiff der beiden Relegationsspiele gegen uns formuliert.

Gewiss, unser Lizenzspieleretat ist kaum höher, als der Einkaufswert der gesammelten Dienstwagen unseres Gegners, unsere Trainerkabine ist kaum größer, als der begehbare Kleiderschrank von Rafael van der Vaart und die ausgelobte Aufstiegsprämie kaum höher als das Sonnenstudio-Abo von Bruno Labadia.

Unser Hauptsponsor fertigt Markisen und nicht tolle Hightech-Sachen für den Berliner Flughafen und statt der tollen tollen Bundesliga-Dino-Uhr haben wir eine Anzeigetafel, Modell "Kasachstan". Was unseren Gegnern der in den letzten Jahren so oft vermisste "Hamburger Weg", ist für uns der steinerne, überlebensgroße "Nackte Mann" vor dem Stadion: Symbol der Ruhe und Verlässlichkeit.

Scheint also alles klar, nicht wahr, für die beiden Spiele? Ich will hier gar nicht zurückpöbeln, das ist in Baden nicht unser Stil. Will gar nicht erwähnen, dass unser Mittelstürmer Rouwen Hennings, vor Jahren – Gott sei Dank – vom HSV mangels Klasse aussortiert, etwa doppelt so viele Treffer erzielt hat wie der gesamte HSV in der gesamten Vorrunde. 

Dass ehemalige HSV-Ikonen, mit Ausnahme der Daumen von Uwe Seeler, ihren Verein seit Jahren öffentlich mit spitzer Verachtung begleiten, während wir Deutschland mit unseren Legenden Oliver Kahn und Mehmet Scholl den gesamten Braintrust des öffentlich-rechtlichen Expertentums und Jamaika mit unserem erfolgreichsten Coach Winnie Schäfer einen blonden Nationaltrainer geschenkt haben.

Dass schließlich unsere A-Jugend in diesem Jahr das Halbfinale um die deutsche Meisterschaft spielte, nicht zuletzt weil es unser heutiger Sportdirektor Gott sei Dank beim HSV als Jugendkoordinator nicht lange ausgehalten hat.

Pah! Im Hinspiel in Hamburg kann ich nicht im Stadion sein, da müsst ihr Geduld haben, steht es nach 60 Minuten noch 0:0, wird der Dino nervös, dann tickt die Uhr. Zum Rückspiel bin ich in Karlsruhe dabei, da brennt im Wildparkstadion (das übrigens immer Wildparkstadion hieß und nicht, wie das bedauernswerte Bald-wieder-Volksparkstadion zwischendurch AOL- oder Imtech-Arena), im Wildpark also brennt am 1. Juni die gute Schwarzwald-Luft. Statt Hamburg, meine Peeeerle singen dann alle vor dem Spiel das Badnerlied. Und Rouwen Hennings erzielt, 78. Minute, das entscheidende 1:0, Vorlage Manuel Torres. Da lege ich mich fest. Die Anzeigetafel aus Kasachstan wird mein Zeuge sein.

Moritz Müller-Wirth ist stellvertretender Chefredakteur der ZEIT. Er lebt in Berlin, muss in Hamburg arbeiten – und ist sein Leben lang Fan des KSC. In der aktuellen Ausgabe erscheinen drei weitere Briefe von ZEIT-Autoren an ihren Verein.