Frage: Alexej Sorokin, sind Sie als Organisationschef der WM 2018 eigentlich froh, dass es Katar gibt? Durch die Debatten um das Winterturnier 2022 bekam Russland als nächster WM-Gastgeber weniger Kritik ab.

Alexej Sorokin: Wir sind bereit für jede Debatte. Wir sind glücklich, wenn wir gehört werden, weil wir einseitige Geschichten über Russland vermeiden möchten. Wir haben keine Angst, über uns zu sprechen, wenn es eine offene und professionelle Diskussion ist.

Frage: Kritik an Russland 2018 gibt es dennoch bereits einige: Korruptionsvorwürfe, politische Verwerfungen, Boykottaufrufe, Budgetkürzungen und Diskriminierung.

Sorokin: Wir unternehmen große Anstrengungen, damit diese WM ein unvergessliches Erlebnis wird, aber sind erschüttert über Versuche, das zu verderben. Infrastruktur zu bauen ist das eine, aber unsere größte Herausforderung ist metaphysischer Natur. Ausländische Medien behaupten falsche Dinge über Russland. Wir fürchten, das könnte Menschen abhalten, zu kommen. Viele Besucher der Winterspiele in Sotschi waren überrascht, weil sie nicht erwartet hatten, dass das hier ein normales europäisches Land ist.

Frage: Was wird denn Falsches behauptet?

Sorokin: Dass es hier nur Rassisten gäbe, dass alles totalitär wäre, dass es keine Freiheit gäbe. Es ist sehr seltsam, so etwas zu lesen.

Frage: Wie reagieren Sie darauf?

Sorokin: Manchmal treten wir dem entgegen, aber manchmal würdigen wir das nicht einmal mit einer Antwort. Es gibt eine falsche Wahrnehmung, was Russland mit der WM ausdrücken will. Wir wollen so viele Gäste wie möglich glücklich machen, neben Sport bieten wir auch ein kulturelles Rahmenprogramm etwa mit historischen Touren, damit die Menschen Russland wirklich erleben können.

Frage: Wenn Sie denn kommen. Deutsche Politiker rufen immer wieder dazu auf, die WM zu boykottieren. Denken Sie da: Dann sollen sie eben zu Hause bleiben?

Sorokin: Nein, wir wollen,dass die Deutschen kommen, wie jedes Team, das sich qualifiziert. Ein Boykott wäre komplett falsch, darüber sollte nicht einmal diskutiert werden. Wie die Fifa und Uefa denken wir, dass Boykotte nichts lösen. Sie machen nur die Athleten und Fans zu Opfern dieser seltsamen politischen Bestrebungen. Schlechtes bringt nur Schlechtes hervor. Das Prinzip, Sport von Politik zu trennen, sollte umgesetzt werden, nicht nur postuliert.

Frage: Lässt sich denn Sport von der Politik trennen? Russland hat sich mit Militäraktionen auf der Krim und in der Ostukraine beim Westen in Verruf gebracht, es gibt Wirtschaftssanktionen gegen das Land.

Sorokin: Es ist seltsam, dass Menschen eine Verbindung zwischen der WM sehen und dem, was sie glauben, dass in der Ukraine passiert. Da gibt es zwei verschiedene Wahrnehmungen, mindestens. Wir sehen, dass die WM als Plattform missbraucht wird mit solchen Aufrufen. Wir sind froh, dass diese Haltungen von einzelnen Politikern stammen, nicht von Regierungen. Wir werden jeden willkommen heißen, der kommt.

Frage: Die Winterspiele und Formel-1-Rennen in Sotschi, die Fußball-WM: Zu welchem Zweck holt Russland derzeit so viele große Sportveranstaltungen ins eigene Land?

Sorokin: Sport ist eine nationale Priorität, weil er eine gesündere Lebensweise fördert, die Wirtschaft und die Stimmung im Land fördert. Zudem ist er eine wunderbare Art, zu zeigen, was dein Land erreicht hat, und es nach außen zu bewerben. Sport ergreift die Menschen, lässt sie reisen und selbst sehen, wie Russen leben und arbeiten. Sotschi war ein perfektes Beispiel. Jeder, der gekommen ist, war glücklich.

Frage: Reisen nach Russland sind aber gar nicht so einfach mit den Visa-Beschränkungen.

Sorokin: Unsere Regierung garantiert gesetzlich Visa-freie Einreisen zur WM. Dazu gibt es kostenlose Transporte mit Shuttles. Das ist unser Versprechen an die Welt.

Frage: Welche Versprechungen gab es denn an die Fifa? Wie bei Katar halten sich Bestechungsvorwürfe bei der WM-Vergabe 2010. Herr Sorokin, war da Korruption im Spiel?

Sorokin: Kurz gesagt: nein. Erstens ist die einfachste Antwort, dass es eine tiefgehende Ermittlung eines amerikanischen Juristen gab – was seltsam genug ist, weil die USA Mitbewerber waren. Das Ergebnis ist klar, Teile des Reports wurden veröffentlicht. Zweitens ist es mit der derzeitigen Technologie schwer, etwas zu verstecken. Wenn es etwas gäbe, wäre es schon entdeckt.

Frage: Sollte der Report ganz öffentlich werden?

Sorokin: Ich habe dazu keine Meinung, das soll die Fifa entscheiden. Wir hatten nie Angst vor den Ermittlungen und haben kooperiert, alle Fragen beantwortet und Dokumente geschickt. Was können wir noch tun? Wenn die Computer weg sind, sind sie weg, ich kann keine neuen gebären.

Frage: Sie haben den Ermittlern Daten nicht geschickt, weil Ihre Computer angeblich nur geleast und danach zerstört worden seien.

Sorokin: Ja, ich kann meinen Kindern in die Augen schwören, dass es stimmt.

Frage: Es klingt dennoch sehr unglaubwürdig.

Sorokin: Unsere Organisation war auf ein Jahr angelegt. Da ist es klüger, Computer zu leihen, als sie zu kaufen und dann zu versuchen, sie wieder zu verkaufen. Das ist die normale Art, ökonomisch Geschäfte zu betreiben und kein Geld zu verschwenden. Es ist nicht unsere Schuld, dass die Ermittlungen vier Jahre später stattfinden. Wer behält seine Computer vier Jahre? Vielleicht Ermittler, wir nicht. Dazu sind wir als Bewerbungskomitee durch eine sehr strenge Buchprüfung gegangen. Alles, was wir gemacht haben, war legal. Sonst würde ich nicht mit Ihnen reden.

Frage: Das Turnier in Russland sollte die teuerste WM der Geschichte werden. Nun gibt es Budgetkürzungen. Wie wirken die sich aus?

Sorokin: Zunächst gibt es generell Budgetkürzungen in unserer Wirtschaft, aber das wirkt sich nicht notwendigerweise auf die WM aus. Die Infrastruktur, die Stadionrouten, die Spielstätten waren nicht betroffen. Die einzige Änderung sind reduzierte Sitzkapazitäten, der Rest bleibt. Und alles wird rechtzeitig fertig werden.