ZEIT ONLINE: Herr Stibbe, sind die Bundesjugendspiele noch zeitgemäß?

Günter Stibbe: Da kann man nicht mit Ja oder Nein antworten, das wäre mir zu schwarz-weiß. In den neunziger Jahren wurden die Bundesjugendspiele schon weiterentwickelt. Man wollte wegkommen von diesem klassischen Leichtathletik-Dreikampf: sprinten, springen, werfen, den wahrscheinlich viele Ihrer Leser noch aus der Schulzeit kennen. Mittlerweile kann man auch schwimmen und turnen, da gibt es schöne vielseitige Wettkampfformen. Sie sind sehr kindgerecht, werden vermutlich aber kaum genutzt. Aber: Auch da gibt es Gewinner und Verlierer. Das ist das Grundprinzip des Sports, das sollte man auch nicht aufweichen, es muss nur behutsam damit umgegangen werden.

ZEIT ONLINE: Im Kern richtet sich die Onlinepetition gegen die Spiele aber genau gegen dieses Prinzip. Es demütige Schüler und demotiviere sie, ist die Argumentation.

Stibbe: Ich habe mir die Petition angeschaut, da sind einige Kritikpunkte durchaus berechtigt. Dass zum Beispiel vor der ganzen Klasse später die Ergebnisse vorgelesen werden, ist pädagogisch unverantwortlich.

ZEIT ONLINE: Wie finden die Schüler eigentlich die Bundesjugendspiele?

Stibbe: Wir haben dazu leider keine empirischen Daten. Das wäre eigentlich das Erste, was man machen müsste: die Schüler fragen. Ich glaube aber, dass viele Schülerinnen und Schüler die Spiele wollen. Und wir wissen: Vor allem zahlreiche Schülerinnen und Schüler, die nicht in einem Sportverein organisiert sind, schätzen die Möglichkeit, sich in einem Wettkampf auszuprobieren.

ZEIT ONLINE: Auch wenn sie hinterherlaufen?

Stibbe: Die Häme der anderen ist schwierig, gerade in der Pubertät, in der der Körper eine große Rolle spielt. Das muss man pädagogisch abfangen. Die Folgen von Niederlagen sind sehr ambivalent. Für die einen sind sie ein Anreiz, mehr zu tun, sich mehr anzustrengen. Bei anderen schlagen sie auf das Selbstbewusstsein und das Selbstkonzept. Aber das ging mir ehrlich gesagt im Matheunterricht auch so.

ZEIT ONLINE: Mit dem Unterschied, dass Sie eine Mathearbeit nicht schreiben, wenn die ganze Klasse zuschaut. Und Sie dabei nicht doof aussehen.

Stibbe: Sie haben vollkommen recht. Aber aus dem Problem kommen Sie nicht raus. Ich bin kein Verfechter eines strikten Leistungssystems, aber man kann jetzt nicht im Sport anfangen und sagen: Ändern wir alles, es geht um nichts mehr. Ich finde, Leistungserziehung gehört auch im Sport dazu. Dass Leistung auf Leistungskriterien beruht, lernen Schüler vor allem im Sportunterricht. Dort können sie dieses Prinzip am einfachsten verstehen. Wir müssen nur schauen, wie wir mit dem Thema pädagogisch am besten umgehen.

Fest steht aber ebenso: Das Prinzip des Wettkampfs, in dem es immer nur wenige Sieger, aber sehr viele Verlierer gibt, ist auch unter Sportpädagogen sehr umstritten. Selbst Kollegen aus meinem Institut halten Wettkämpfe für völlig unpädagogisch. Auch im Sportunterricht sollten wir deshalb sehr behutsam mit Wettkämpfen umgehen. Grundsätzlich auf den Wettkampfgedanken zu verzichten, hätte mit Sport aber nicht mehr viel zu tun. Im Sport ist Leistung ein zentrales Prinzip. Ich sage: Wettbewerbe ja, aber pädagogisch verantwortbar.

ZEIT ONLINE: Das heißt?

Stibbe: Sport ist brutal, klar. Aber die Schülerinnen und Schüler müssen lernen, mit Niederlagen umzugehen. Auch mit Siegen übrigens, das kann auch schwer sein. Sie müssen lernen, dass es im Sport Regeln gibt, die sie einhalten sollen. Und sie müssen lernen, dass sportliche Leistungen kein Schicksal sind, sondern man etwas dafür tun kann, üben nämlich. Pädagogen müssen stärker die individuelle Bezugsnorm in den Blick nehmen, also nicht nur den Vergleich mit anderen, sondern schauen, ob sich die Schüler auch persönlich verbessern. Von der Struktur her sind die Bundesjugendspiele eigentlich so angelegt, dass ich für mich selber versuche, eine bestimmte Punktzahl zu erreichen.

ZEIT ONLINE: Was ist mit den unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen?

Stibbe: Die spielen natürlich eine Rolle, auch das verstehen Kinder. Aber im Deutschunterricht gibt es auch unterschiedliche Voraussetzungen, da gibt es keine Chancengleichheit, sondern es kommt darauf an, aus welchem sozialen Milieu die Schüler kommen. Im Sport fällt das natürlich mehr auf. Und ja, es ist demotivierend, wenn ich keine Chance habe. Aber bei einigen pädagogischen Vorschlägen mache ich mir schon Sorgen. Wenn ich sage: Der eine ist über 100 Meter eh schneller, der andere bekommt deshalb 20 Meter Vorsprung. Was passiert, wenn der mit dem Vorsprung trotzdem eingeholt wird? Das ist ja noch viel deprimierender.