Neuerdings gibt sich der Ire Patrick Hickey gern naiv, wenn er zu seinem Lieblingsprojekt befragt wird, den am Freitag beginnenden ersten Europaspielen. Schon wieder ein Sportfest in einer Diktatur, nach Olympia in Peking und Sotschi diesmal in Baku? In Aserbaidschan, der Petrokratie, die von Ilham Alijew und einer Oligarchen-Camarilla mit harter Hand regiert wird? Dahinter stehe kein Plan, erzählte Hickey zuletzt der New York Times: "Ich denke, das ist alles einfach passiert."

Einfach passiert? Hickey ist nicht nur Präsident des Europäischen Olympischen Komitees (EOC), der Vereinigung aller Nationalen Olympiakomitees in Europa, er gehört auch der Exekutive von Thomas Bachs IOC an – und in diesen Kreisen geschieht wenig ohne Plan. Für das größte Sportereignis des Jahres, ein Mini-Olympia mit mehr als 6.000 Athleten in 20 Sportarten, kann Zufall mit Sicherheit ausgeschlossen werden. Und das nicht nur, weil Hickeys Faible für die stramme Sorte Sportskameraden bekannt ist, seit er dem weißrussischen Diktator Alexander Lukaschenko einen Orden verlieh.

Ilham Alijew, auch Präsident des Nationalen Olympischen Komitees in Aserbaidschan, brachte das nötige Kleingeld mit. Er versprach schon bei Geschäftsanbahnung Ende 2012, allen Teilnehmenden Reise und Unterkunft zu spendieren. Ein Funktionär aus Skandinavien sagt, das habe "eindeutig den Ausschlag gegeben". Namentlich lässt er sich nicht zitieren, formuliert aber, was er von den Europaspielen im vollgepackten Sportkalender hält: "Ziemlich überflüssig."

Die Realität ist noch frostiger. Vor der "Illusion, dass es Baku um Sport geht", warnt zum Beispiel Gerald Knaus von der NGO European Stability Initiative: "Alijew beutet den Reichtum des Landes aus, um sich Freundschaften zu kaufen und seinem Regime Legitimität zu verleihen." Vor allem aber, so glaubt Knaus, soll das Mega-Spektakel eine Botschaft senden: "Wenn es gelingt, bekannte Menschenrechtler und Journalisten ins Gefängnis zu werfen und trotzdem die Sportwelt zu Gast zu haben, wenn es keine Reaktionen gibt, dann wird auch anderen Oppositionellen die Hoffnung genommen."

Rund 100 politische Gefangene zählen Menschenrechtsorganisationen in Aserbaidschan. Viele von ihnen wurden im vergangenen Jahr verhaftet – Teil der "Vorbereitung der Europaspiele", wie kürzlich auch der UNO-Sonderberichterstatter für Menschenrechte feststellte. Auch sein Appell an Sportfunktionäre und Athleten, die Freilassung von Bürgerrechtlern und Journalisten vor Beginn der Spiele zu fordern, blieb weitestgehend ungehört.

Thomas Bach etwa antwortete gar nicht erst auf einen an ihn adressierten Offenen Brief amerikanischer Autoren mit der Bitte, sich für die seit Dezember inhaftierte Journalistin Khadija Ismayilova einzusetzen. "Ein Armutszeugnis", findet Knaus. Und üblich in der sogenannten Weltregierung des Sports, die sich einmal mehr als Gegenteil dessen entpuppt, was sie laut eigener Charta zu sein hätte: das Weltgewissen des Sports.

Ismayilova, vor wenigen Wochen mit einem Preis des U.S.-PEN-Zentrums geehrt, ist Spezialistin auf dem Gebiet der Korruption. Ihre Recherchen deckten detailliert auf, wie sich der Clan von Präsident Alijew systematisch Anteile an den ertragreichsten Unternehmen des Landes sicherte und sein Vermögen auf Offshore-Konten verschob. Auch das brachte der Dynastie ihren Beinamen ein: "die Corleones vom Kaspischen Meer".

Korruption und Vetternwirtschaft gehören in Aserbaidschan zum Alltag; auch von den Europaspielen profitieren die Präsidentenfamilie und ihre Günstlinge. Eine Firma aus dem Konglomerat von First Lady Mehriban baute mit. Ein anderes Unternehmen namens DDLar zog Athletendorf, Schwimmstadion oder den Park mit Anlagen für Beachvolleyball und Strandfußball hoch. Wem gehört es? Anfragen beantwortet das Unternehmen nicht. Als CEO agiert jedoch ein Mittdreißiger namens Arif Rahimov. Der Sohn von Sportminister Azad Rahimov – Alijews erstem Propagandisten für die Spiele.

Bis zu zehn Milliarden Euro hat der Despot angeblich für das Sportfest lockergemacht. Wie viel genau? Das Organisationskomitee in Baku, geleitet von der First Lady, gibt dazu keine Auskunft. Und was kassieren die Sportfreunde um Olympiafunktionär Hickey? Auch da ist nur wenig zu erfahren: Das EOC schüttet knappe drei Millionen Euro Erfolgsprämien an Athleten aus, 50.000 Euro an jedes der 50 Nationalen Olympischen Komitees. Zu den Gesamteinnahmen – aus Sponsorengeldern oder aus dem Verkauf der TV-Rechte – schweigt Hickey.

Der Doppelpass mit Baku muss nicht überraschen. Das EOC hält seine Finanzen beinahe so bedeckt wie Alijew, veröffentlicht noch nicht einmal Jahresbilanzen und weist Anfragen dazu brüsk ab: "Es ist nicht unsere Politik, unseren Kontostand mit den Medien zu diskutieren."

In Lausanne, beim IOC, wo Thomas Bach dieser Tage laut Reformen bei der  skandalumtosten Fifa anmahnt, stört die Geheimniskrämerei nicht. Alle "Stakeholder" der olympischen Bewegung würden ermutigt, "die Prinzipen von good governance einzuhalten", heißt es von dort. Das Europäische Olympische Komitee "bekennt sich zu diesen Prinzipien".

Na, dann ist ja alles sauber. Mindestens aus Sicht der 70 IOC-Mitglieder, die dem Vernehmen nach die Europaspiele mit dem Alijew-Clan auf der Ehrentribüne eröffnen wollen.