In Sportkreisen wird gerne dieser Witz erzählt: Welche sind die fünf beliebtesten Sportarten der Deutschen? Antwort: Fußball, Fußball, Fußball, Fußball und Formel 1. Wer am vergangenen Samstagabend zur besten Sendezeit öffentlich-rechtliches Fernsehen schaute, fand heraus, dass in dem Gag nicht nur ein Körnchen Wahrheit steckt, sondern ein ganzer Ball. In der ARD lief Live-Fußball, im ZDF auch, für ein paar Minuten rollte die Kugel sogar auf beiden Kanälen gleichzeitig. Dabei ist eigentlich gerade Sommerpause.

Dass man von August bis Mai nicht um großflächig versendeten TV-Fußball herumkommt, daran hatte man sich ja schon gewöhnt. Montag Zweite Liga, Dienstag, Mittwoch und Donnerstag Europapokal, Freitag, Samstag und Sonntag Bundesliga – nach Live-Fußball konnte man die Uhr stellen. Hinzu kommt eine große EM oder WM in den geraden Jahren, die weite Teile der Sommerpause zum Fußball-Schland machen.

Lieber Schweiz gegen Kamerun

Der Sommer 2015 aber schien eine Chance für andere Sportarten auf die so dringend benötigte TV-Präsenz zu sein. Doch was zeigen die gebührenfinanzierten Sender? Die Fußball-WM der Frauen und die U21-EM. Es spricht natürlich nichts dagegen, etwa die Spiele der deutschen Frauen live zu übertragen. Aber 56 Stunden? Vorrundenspiele wie Schweiz gegen Kamerun? Und parallel noch eine Nachwuchs-EM?

Die TV-Sender können auf ihre Einschaltquoten verweisen. Mehr als sechs Millionen Zuschauer sahen am Samstag die Frauen, fast fünf die Junioren. Gute Zahlen, das Methadon für Fußballfans wirkt. Auch wir bei ZEIT ONLINE merken, dass Texte über andere Sportarten deutlich weniger Leser finden als solche über Fußball. Nun könnte man ewig über Henne und Ei diskutieren, darüber also, ob die Medien nur das Fußballbedürfnis der Masse befriedigen oder es durch die Dauerschleife erst schaffen. Fakt ist: Der Deutsche schaut lieber unterklassigen Fußball in der Dritten oder Vierten Liga als Spitzenleistungen im Wasserball, Turnen oder Volleyball.

Monokultur Fußball

Die Begeisterung für den Fußball wird für die anderen Sportarten zum Problem. Deutschlands Sport wird zu einer Monokultur. Fußball ist so dominant wie nie zuvor. Der Fußballhype, der nach dem WM-Gewinn vor einem Jahr noch einmal größer wurde, gefährdet die Existenz kleinerer Sportarten. Im steten Kampf um Aufmerksamkeit und Sponsorengelder verlieren viele stetig an Bedeutung, einige verschwinden gar komplett aus der öffentlichen Wahrnehmung. Eine Sportnation verödet.

Bei den Olympischen Spielen 2012 gewann Deutschland nur gut die Hälfte der Medaillen, die es 20 Jahre zuvor einsackte. Der deutsche Sport ist nicht mehr viel- sondern einfältig. Und die Spirale der Bedeutungslosigkeit geht immer weiter. Kinder, die kein Wasserball, kein Turnen, kein Volleyball im Fernsehen sehen, werden sich kaum für diesen Sport interessieren. Manche wissen gar nicht, dass es ihn gibt. Den Disziplinen geht der Nachwuchs aus, und damit auch die Stars von morgen, die wiederum Sponsoren und Förderer und nicht zuletzt die Stars von übermorgen begeistern können. Auf die Vertreter der kleineren Sportarten, die schon seit Jahren warnen, hört keiner.

Viele Sportarten machen sich selbst das Leben schwer

Es ist ja nicht so, dass sonst nichts los wäre. Allein in dieser Woche steigen eine Segel-EM, die Finalrunde der Wasserball-Weltliga, Deutsche Meisterschaften im Freiwasserschwimmen, die Beachvolleyball-WM und die Basketball-EM der Frauen. Nach Live-Bildern davon wird man wohl eine Weile suchen müssen.

Zugegeben, viele Sportarten machen sich auch selbst das Leben schwer. In der Suche nach Vermarktungsmöglichkeiten gehen sie manchmal seltsame Wege. So waren zwar viele Spiele der Basketball-Bundesliga zumindest in einem Spartensender zu sehen, das entscheidende Spiel der Finalserie lief aber nur im Pay-TV. Gleiches galt für die Handball-WM im Januar in Katar oder das Tennisturnier in Wimbledon. Bei dem Grand-Slam-Turnier zum Beispiel winkten ARD und ZDF im Vorfeld ab, zu teuer, zu gering das erwartete Interesse. Als 2013 aber überraschend die Deutsche Sabine Lisicki im Finale stand, war die ARD mitten im Turnier plötzlich doch interessiert, bekam vom Rechteinhaber aber einen Korb.

In ihrer Verzweiflung werfen sich andere Sportarten gerade bei den Europaspielen in Aserbaidschan einem Diktator in die Arme. Dabei wären ihre mündigen Athleten ein mögliches Alleinstellungsmerkmal. Denn im Gegensatz zum Jungfußballer aus dem Internat weiß ein Leichtathlet oder Bogenschütze, der zusehen muss, seinen Sport zu finanzieren, wie er eine Steuererklärung ausfüllt oder den Führerschein macht. Er kann mehr über das Leben erzählen, und darum geht es doch, im Sport.