Aserbaidschans Präsident Ilcham Alijew lässt sich bei den Europaspielen feiern. © Tobias Schwarz/Getty Images

Leyla Yunus geht es immer schlechter. Weil sie sich für Menschenrechte und Frieden engagiert, sitzt sie seit einem Jahr im Gefängnis. Sie und ihr Mann sind zwei von rund hundert politischen Häftlingen Aserbaidschans. Sie ist schwer krank, weswegen Amnesty International dazu aufruft, dem Präsidenten Ilcham Alijew zu schreiben und um Hilfe zu bitten. Vielleicht bekommt sie dann Medikamente oder darf zu einem guten Arzt.

Kämen Sie dem nach, liebe Leser, hätten Sie mehr Gutes getan als der olympische Sport. Der trägt zurzeit die ersten Europaspiele in Aserbaidschans Hauptstadt Baku aus. Sie enden am Wochenende und sie sind Alijews Herzenssache. Sind sind das Projekt eines Mannes, unter dem Aserbaidschan zu einem der undemokratischsten Länder der Erde verkommen ist. Pressefreiheit gibt es nicht, Menschenrechte zählen wenig, die Zivilgesellschaft bricht zusammen, NGOs werden geschlossen, ein kritischer Reporter darf nicht einreisen, Amnesty International muss draußen bleiben und für die Oberen wie Alijew gelten andere Gesetze.

Die Herrscher des Sports haben nichts versucht, wieder einmal

Die Funktionäre des Sports sollten ein Zeichen gegen den Herrscher setzen und für Oppositionelle öffentlich eintreten, hatten Menschenrechtsorganisationen, Exil-Aseris und amerikanische Schriftsteller gefordert. In der Tat wäre es für die Verbände ein Leichtes gewesen, zehn, zwanzig oder dreißig Gefangene als Gegenleistung für die Spiele freizubekommen. Die Herrscher des Sports haben es nicht einmal versucht. Wieder einmal.

Sie haben das wahrscheinlich öfter schon gelesen. Aber es tut uns leid, wir müssen wieder nerven. Weil man vom IOC-Präsidenten Thomas Bach fröhliche Bilder mit Alijew sieht, wie ein Jahr zuvor mit Putin. Weil der Ire Patrick Hickey, Geschäftsmann und Präsident des Europäischen Olympischen Komitees (EOC), Menschenrechte und ähnliche Kleinigkeiten lästig findet. Weil er auf einen Brief von Yunus gar nicht erst antwortete, wie Bach. Und weil man auch von den Athleten wenig hört.

Der deutsche Sport, der sogar als Befürworter Bakus auftrat, kümmert sich ebenso wenig. In Deutschland hat der DOSB zwar auf die Menschenrechtslage in Aserbaidschan hingewiesen, aber als der Generaldirektor Michael Vesper kürzlich auf Yunus angesprochen wurde, sagte er, der Sport könne sich nicht um "Einzelfälle" kümmern. Vielleicht denkt er sich nur, dass man beim IOC nicht mit ethischen Debatten punktet. Und hofft, dass die Hamburger Wähler sein Appeasement gegenüber dem Despoten aus Baku vergessen. Bald stimmen sie über die deutsche Olympiabewerbung ab.

Groß-Events verbessern nichts

Die verräterische Rhetorik der Sportmächtigen ist die übliche. Sie behaupten, Kritisches in Hinterzimmern anzusprechen. Doch selbst wenn das stimmte, wäre es zu wenig. Sie führen Scheindebatten und sagen: Boykotte bringen nichts. Dabei fordert niemand Boykotte. Sie argumentieren, dass sportliche Groß-Events von selbst etwas verbessern. Dabei ist das längst widerlegt. "Der Sport ist nicht in der Lage, politische Systeme zu verändern – und er kann auch politische Gefangene nicht befreien", schreibt Vesper in der aktuellen ZEIT. Aber woher will er das wissen? Es hat ja noch keiner versucht. Tut uns leid, dass wir Ihnen nichts Neues erzählen. Aber die Sportfürsten schieben die Verantwortung gerne weg. Ihnen sind Menschenrechte noch immer scheißegal.