"Scheiß RB Leipzig!" Solche Rufe regen in deutschen Stadien schon lange keinen mehr auf. Wahrscheinlich nicht einmal mehr Dietrich Mateschitz, den Red-Bull-Boss, der Kritiker und Neider kürzlich in einem Interview als "nullkommanullirgendwas Prozent aller Fußballinteressierten" abkanzelte.

Dass zu diesen nullkommanullirgendwas Prozent auch Fans des FC Red Bull Salzburg gehören, dem österreichischen Stammverein seines Konzerns, dürfte Mateschitz aber gar nicht gefallen. Im Halbfinale des österreichischen Pokals vor ein paar Wochen besangen die Fans erst ihren Publikumsliebling, den österreichischen Nationalspieler Stefan "Ilse" Ilsanker. Dann schmähten rund 30 von ihnen den deutschen Zweitligisten, zu dem der Mittelfeldspieler wechselt. "Sie waren enttäuscht, dass uns ein sehr guter Spieler verlässt. Das ist verständlich", sagte Salzburgs Geschäftsführer Jochen Sauer. "Ich glaube aber nicht, dass die Enttäuschung weniger groß ist, wenn ein Spieler zu Dortmund oder Leverkusen geht."

Einerseits mag das zutreffen. Andererseits stellt es die Fanseele besonders auf die Probe, wenn sich der große Bruderclub immer wieder am eigenen Tafelsilber bedient. Seit dem Leipziger Aufstieg in den Profifußball vor zwei Jahren hat sich die Transferfrequenz zwischen den Konzernfilialen deutlich erhöht – in beide Richtungen. Allerdings zieht es die besseren Kicker fast immer von Süd nach Nord. 

Salzburg spielt nur die zweite Geige

Georg Teigl überquerte 2013/14 die Alpen, Stefan Hierländer, Yordy Reyna, Thomas Dähme und Rodnei tauschten vor der abgelaufenen Saison die fast identischen Trikots. Nun folgen Nils Quaschner, Peter Gulasci, Stefan Ilsanker und Massimo Bruno. Marcel Sabitzer könnte Nummer fünf werden. Trotzdem betont Jochen Sauer: "Wir sind sicher kein Ausbildungsverein für RB Leipzig. Wir wollen national und international auf höchstem Niveau Fußball spielen und Titel gewinnen. Wir müssen uns allerdings auch damit abfinden, dass wir in einer verhältnismäßig kleinen europäischen Liga spielen." Für viele junge und hochtalentierte Spieler sei Salzburg nur eine Zwischenstation.

Das ist auch Dietrich Mateschitz bewusst, der es schon 2010 zur Strategie erklärte, "mit dem stärksten Team mit Leipzig in der deutschen Bundesliga zu spielen und in Österreich mit einem quasi U21-Team mit einem möglichst hohen Anteil an Spielern aus unseren Akademien". Die Geburtsstadt Wolfgang Mozarts spielt nur die zweite Geige in der internen Hierarchie. Das zeigt sich nun auch in der Transferpraxis. Dass das den Fans aus Salzburg nicht gefällt, ist wenig überraschend. In einer – natürlich nicht repräsentativen – Umfrage eines Fanportals von Red Bull Salzburg beurteilten mehr als 50 Prozent der Befragten die Transfers zu RB Leipzig negativ.

Roland Breitfuss, Vorsitzender des Fanclubs Ostblock Bullen, hält solche Abstimmungen für wenig aussagekräftig. Er verlässt sich auf seine Erfahrungen im Stadion, das hier wie dort Red-Bull-Arena heißt. "Eine deutliche Mehrheit lehnt die Anti-RB-Rufe ab", sagt er. Für die meisten Fans seien die Abgänge wegen der Schwäche der heimischen Bundesliga nachvollziehbar, auch wenn man sie ungern ziehen lasse. Für Breitfuss steht außer Frage, dass Salzburg ein Ausbildungsverein ist. "Eindeutig ja – aber nur bedingt für RB Leipzig." Ansonsten hätte man Leistungsträger wie Kevin Kampl, der sich für Borussia Dortmund entschied, und andere nicht so einfach gehen lassen. Sauer betont, dass Salzburg ebenso von Zugängen aus Leipzig profitiert. Marvin Compper zum Beispiel soll vor einem Wechsel von Leipzig nach Salzburg stehen.