Wer verfolgt, wie in diesen Tagen über Sepp Blatter, die Fifa, seine verhafteten Freunde und überhaupt über alles diskutiert wird, was falsch läuft im großen Fußballgeschäft, könnte den Eindruck haben, die WM 2018 findet im Paradies statt. Auch bei Günther Jauch wurde am Sonntagabend vor allem über die WM 2022 in Katar gestritten. Katar hat die WM gekauft. Katar schert sich nicht um Menschenrechte. Katar geht gar nicht, so hieß es.

Das mag auch stimmen. Aber was ist eigentlich mit Russland? Über die WM 2018 in Russland wird kaum geredet. Dabei gab es auch bei dieser WM-Vergabe Merkwürdigkeiten. Dabei kümmert sich auch Russland wenig um Menschenrechte. Und ganz nebenbei ist das Land in den vergangenen Jahren vor allem dadurch auffällig geworden, völkerrechtswidrig die Krim annektiert zu haben und sich am Krieg in der Ukraine zu beteiligen, um es mal vorsichtig zu formulieren.

Nun ist es nicht redlich, Unrecht gegeneinander aufzurechnen. Die Arbeitsbedingungen auf Katars Baustellen sind trotz gegenteiliger Versprechen der Katarer noch immer schlimm. Demokratie und Menschenrechte sind in dem Wüstenstaat noch Fremdwörter. Aber es ist schon auffällig, wie sehr sich die Kritik des Westens auf das kleine, reiche Emirat konzentriert, obwohl auch gegen Russland sehr viel spricht.

"Katastrophaler Fehler"

Schon in drei Jahren soll im Russland um den WM-Titel gespielt werden. Kritiker gibt es viele. Richtig durch dringen sie nicht. "Aus heutiger Sicht ist die Ausrichtung der WM in einem Land wie Russland, das offen Krieg führt und einen anderen Staat überfallen hat, ein katastrophaler Fehler", sagt etwa Zbigniew Boniek, der Präsident des polnischen Fußballverbands. Er fordert eine Klausel in den Fifa-Verträgen: Einem Land, das Krieg führt oder gegen das Völkerrecht verstößt, solle die WM sofort entzogen werden. Auch der britische Premierminister Davon Cameron forderte, Russland die WM wegzunehmen.

Während für Katar immerhin die Hoffnung bleibt, die Menschenrechtslage werde sich in Zukunft bessern, weil das Land sich gerade modernisiert, hat Russland die andere Richtung eingeschlagen. Oppositionelle werden auf offener Straße erschossen. Manch europäischer Politiker darf nicht mehr einreisen. Man könne der Fifa vorwerfen, dass sie die Umsetzung der versprochenen Reformen der katarischen Regierung nicht konsequent einfordert. "Aber mit Blick auf die nächste WM, die 2018 in Russland stattfindet, hat das Spiel noch nicht einmal begonnen", sagte Barbara Lochbihler, die stellvertretende Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses des Europäischen Parlaments der FAZ. "Die Menschenrechtslage in Russland ist nach wie vor sehr schlecht."

Computer nur geliehen

Auch unabhängig von politischen Erwägungen macht die Vergabe an Russland skeptisch. Katar und Russland bekamen am selben Tag die WM zugesprochen, an jenem ominösen Dezembertag 2010, nach dem bei der Fifa nichts mehr war wie zuvor. Und wie im Fall Katar ging wohl auch bei der Russland-Vergabe nicht alles mit rechten Dingen zu. Der zypriotische Funktionär Marios Lefkaritis machte nicht nur Geschäfte mit Katar, sondern unterzeichnete als Direktor des Ölkonzerns Petrolina nur Wochen vor der WM-Vergabe nach Russland ein lukratives Geschäft mit Gazprom. Franz Beckenbauer, der damals auch mitwählte, wurde kurz darauf gut bezahlter Sportbotschafter des russischen Gaskonzerns.

Kein Wunder, dass sich auch der Fifa-Ermittler Michael Garcia für die Vergabe nach Russland interessierte. Garcia aber wurde die Einreise verweigert. Aus Russland hieß es, dass wichtige Daten rund um die WM-Bewerbung leider nicht mehr verfügbar seien, da die Computer des Bewerbungskomitees nur geliehen waren. "Wer behält seine Computer vier Jahre?", fragte er in einem Interview mit dem Tagesspiegel.

Es gibt noch viele andere Gründe, kritisch auf die WM in Russland zu schauen: Die vielen rechtsextremen Fußballfans, das Hin und Her mit den Fußballclubs auf der Krim, die russische Wirtschaftskrise, die eigentlich andere Probleme schafft, als 30 Milliarden Euro für eine WM auszugeben. Zumal sich auch hier wieder Politiker und Geschäftsleute die Taschen vollmachen werden. Wie bei den Olympischen Spielen in Sotschi. Von den geschätzten 50 Milliarden Dollar Gesamtkosten seien 25 bis 30 Milliarden in dunklen Kanälen versickert, heißt es in einem Bericht des inzwischen ermordeten Boris Nemzow.

Statt aber auf Russland zu schimpfen, konzentriert sich der Westen auf Katar. Und macht es damit den Katarern leicht, ihren Kritikern Bigotterie vorzuwerfen.