Und es erschallen himmlische Chöre! Seid umschlungen, Milliarden! Wildfremde Menschen liegen sich in den Armen. Radiostationen spielen Hymnen der Freiheit. Sepp Blatter tritt zurück, zumindest bald. Welch herrlicher Tag für die Fußballwelt!

In den vergangenen Tagen konnte man letzte Zuckungen des Fifa-Zentralsekretariats beobachten. Doch die Chance zum halbwegs ehrenhaften Rückzug versäumte Blatter vor der Wahl. Offenbar sind die neuen Anschuldigungen gegen seinen Generalsekretär Jérôme Valcke nun aber so konkret, dass Blatter nicht mehr anders konnte.

Der Fußball ist von dem Mann befreit, der ihn korrumpiert hat, der ihn zur Geschäftemacherei verkommen ließ, der ihn verkauft hat, von dem auch kein guter Gedanke zu diesem schönen Spiel überliefert ist. Blatter ging es nicht um Fußball, sondern um ein schönes Leben und um Macht. Ihm war wichtig, einer der wenigen Menschen zu sein, die Barack Obama eine halbe Stunde warten lassen durften.

Ein Hoch auf Andrew Jennings, den britischen Reporterkauz, oder Jens Weinreich und Thomas Kistner, die seit Jahrzehnten die Ganoven aus der Welt des Sports jagen. Ein Hoch auf den Journalismus! Dank auch an die Whistleblowerinnen Bonita Mersiades und Phaedra Almajid. Ein Tusch für die amerikanische Justiz und das FBI!

Hoffentlich jedoch hält die Freude über den Tag hinaus. Blatter war nur der Kopf der Fifa-Mafia. Die sumpfigen Zustände waren nicht nur seine Schuld, sondern auch Folgen des Systems der Fifa. Sie ist nicht Home of Football, sondern das Zuhause der Gier und des grenzenlosen Größenwahns. Zudem sieht Blatters Rückzug auch ein wenig nach Zeitspiel aus.

Die Fifa braucht radikale Reformen oder die Zerschlagung, braucht eine frische Kraft von außen, die auch die WM-Vergaben nach Russland und Katar prüft. Doch im Exekutivkomitee und im Kongress muss man lange suchen, um Unbelastete oder gar Hoffnungsträger zu entdecken. Wer soll Blatter folgen? Der Kameruner Issa Hayatou, längst der Bestechlichkeit überführt? Kuwaits Scheich Ahmad Al-Sabah, einer der ganz mächtigen Strippenzieher im Weltsport? Oder Ali bin al-Hussein, der schwache jordanische Prinz?

Erinnert sei auch an das Versagen der Uefa in Reformfragen oder bei Blatters Wiederwahl. In Spanien, Frankreich und Italien regieren Blatter-Anhänger. Der DFB konnte sich zu keinem kritischen Wort durchringen. Und Michel Platini ist ein Günstling- und Vetternwirtschaftler. Der Fußballfrühling hätte schönere Aussichten, wenn auch der Franzose in Rente ginge.