Um die Jahrtausendwende offenbarte der Ost-Fußballpräsident seine Vision. Hans-Georg Moldenhauer, einst Torwart des 1. FC Magdeburg, erträumte eine Pyramide. Acht Ost-Vereine sollten in der Dritten Liga spielen, vier in der Zweiten, zwei in der Ersten Bundesliga. Das sei natürlich nur der Anfang. Nun ist der Anfang des Anfangs gemacht. Am Wochenende startet die Dritte Liga in ihre neue Saison. Acht Ost-Klubs sind dabei. In der Zweiten Liga freilich ostet nur noch Union Berlin, in der ersten niemand, seit 2009 Energie Cottbus abstieg. RasenBallsport Leipzig zählt hier aus begreiflichen Gründen so wenig wie Hertha BSC.

Wer Moldenhauers Pyramide summiert, kommt auf 14 Vereine. Exakt diesen Umfang hatte die Oberliga, die höchste Spielklasse der DDR. Sie bestand länger als der Staat. In dessen Todesjahr reiste ich fünf Monate durch die USA. Von Juni bis November 1990 war ich vom Heimatfußball abgeschnitten. In Connecticut begegnete ich einem frisch eingeflogenen Potsdamer. Ich fragte, ob er sich für Fußball interessiere.

Klar, sagte er. Wat willst'n wissen?

Wie steht der FC Carl Zeiss Jena?

Der Landsmann ließ ein meckerndes Gelächter hören und sprach: Letzta!

Aber wir müssen mindestens Sechster werden, damit wir in die Zweite Bundesliga dürfen.

Er, heiter: Kannste vajessen. Is jeloofen.

Spitzenreiter Gesamtdeutschland: Rostock

Heimgereist ins nunmehr vereinte Vaterland, fand ich eine verkehrte Welt. Nicht nur der ruhmbedeckte FC Carl Zeiss gurkte am Tabellenende, auch der Berliner FC Dynamo, der von 1979 bis 1988 zehnmal en suite Meister geworden war. Seine Stars Doll, Thom, Ernst kickten jetzt im Westen, wie die Dresdner Kirsten und Sammer. Von der Tabellenspitze grüßte ausgerechnet Hansa Rostock. Uwe Reinders, ein Nordwessi, pushte die einstige Fahrstuhltruppe der DDR, die nun Brustwerbung für den Bundeskleister Uhu betrieb. Sachsen Leipzig heuerte gleichfalls einen West-Trainer, doch der Großkotz Jimmy Hartwig versagte, auch mangels ostbekömmlichen Charakters. Schrecklicherweise hatte es nach Sachsens Spiel gegen den BFC einen Toten gegeben. Bei Tumulten vor dem Stadion erschoss ein panischer Polizist den achtzehnjährigen Berliner Mike Polley. Das Ost-West-Länderspiel zur Feier der deutschen Fußballeinheit im Leipziger Zentralstadion wurde abgesagt. Neonazis hatten Randale angekündigt.

All dies entnahm ich dem daheim angesammelten Stapel der Neuen Fußballwoche. Ach, auch die geliebte fuwo hatte sich verändert. Das ehrenwerte Fachblatt, nun von Springer übernommen, wirkte aufgenuttet und machte Rabatz. (Später kaufte es der kicker – und stellte es ein.) Immerhin gab es noch Radio DDR (nun Radio Aktuell) und die Original-Konferenzschaltung der zweiten Halbzeiten der sieben Oberliga-Begegnungen, mit den markigen Stimmen von Wolfgang Hempel und Werner Eberhardt, von Hubert Knobloch und Heinz Florian Oertel. Der meldete am 25. Mai 1991 das 24.200. und letzte aller Oberliga-Tore. Erzielt hatte es in Cottbus der Jenaer Heiko Weber. Und damit seinen, meinen Verein Sekunden vor Ultimo auf jenen ominösen sechsten Rang geschossen, der zum Aufstieg in die Zweite Bundesliga berechtigte.

So endete das finale Championat der DDR, acht Monate nach dem Staatsbegräbnis: Meister und Pokalsieger wurde der FC Hansa Rostock. Mit ihm stieg der Tabellenzweite Dynamo Dresden in die Bundesliga auf. Die zweite Liga erreichten Rot-Weiß Erfurt, der Hallesche FC Chemie, der Chemnitzer FC und der FC Carl Zeiss Jena, zudem der 1. FC Lok Leipzig und Stahl Brandenburg, die sich in Qualifikationsspielen der Plätze 7 bis 12 durchsetzten. In die neue Oberliga Nordost sackten Eisenhüttenstadt, Magdeburg, der in FC Berlin umgetaufte BFC Dynamo und Sachsen Leipzig, dazu die beiden Schlusslichter Cottbus und Frankfurt/Oder. Hinter den Frankfurtern verbarg sich der einstige Armeesportklub Vorwärts Berlin. Der Vielfachmeister der 1960er Jahre wurde 1970 von der Spree an die Oder versetzt und starb dort einen langen Tod.

Und wie erging es den einstweilig Überlebenden der Fußball-Wende? Generell gilt: Der Osten brauchte den Westen, nicht umgekehrt. Die Parteizentralen, Medienredaktionen, Konzernsessel des Westens waren wohlbesetzt – auch die Fußball-Ligen. Für den Osten räumte der Westen keinen Platz. In der Saison 1991/92 wurde die Bundesliga auf zwanzig Teams hochgestockt, bei vier Absteigern. Die Zweite Liga wuchs – zweigestaffelt – auf vierundzwanzig Vereine, von denen sechs absteigen mussten. Darunter waren 1992 Erfurt, Halle und Brandenburg. 

In der Ersten Liga debütierte Dresden mit einem Heim-0:1 gegen Kaiserslautern, doch am Ende stand der Klassenerhalt. Rostock zerlegte bei seiner Bundesliga-Premiere Nürnberg 4:0, schlug auswärts Bayern München und pulverisierte sodann Borussia Dortmund im Ostseestadion 5:1. Spitzenreiter! Würde der erste gesamtdeutsche Meister etwa aus dem Osten kommen? – Nicht ganz. Hansa stieg ab.

Fußball bildet die Gesellschaft ab, insbesondere wirtschaftliche Realitäten

In den neunziger Jahren hatten Ostvereine durchaus Erfolge. Hansa kehrte wieder und verbrachte insgesamt zwölf Jahre im Oberhaus. Dynamo Dresden schaffte vier, der VfB (alias Lok) Leipzig immerhin die Saison 1993/94. Verblüffend war zur Jahrtausendwende der kometenhafte Aufstieg von Energie Cottbus unter der Fuchtel des Dresdners Eduard Geyer. Schleifer Ede sorgte zudem für eine Bundeliga-Novität: Am 6. April 2001 trat Cottbus gegen Wolfsburg mit elf ausländischen Spielern an; drei weitere wurden eingewechselt. Geyer erklärte, deutsche Spieler könne sich Energie nicht leisten. Rostock entdeckte die Schweden und die Dänen – nicht nur fürs Team. Pro Hansa-Heimspiel kamen 2.000 Skandinavier über die Ostsee, guckten Bundesliga mit Wibran, Albäck, Arvidsson und schifften wohlgetränkt heim. Auch dieses Konzept griff nur zeitweilig. 2004/05 verlor Hansa die ersten acht Heimspiele. Das 0:6 gegen den Hamburger SV war selbst für Wikinger zu viel.

Auch in der Zweiten Liga und im DFB-Pokal haben Ostklubs Mannhaftes vollbracht, wenngleich nicht auf Dauer. Fußball bildet die Gesellschaft ab, insbesondere wirtschaftliche Realitäten. Als die DDR kollabierte, blieb die Bundesrepublik intakt. Die Finanzierung des DDR-Fußballs besorgten Träger-Kombinate. Der VEB Carl Zeiss sponserte Jena, die Deutsche Reichsbahn Lok Leipzig, das Schwermaschinenkombinat Ernst Thälmann den 1. FC Magdeburg. Vorwärts bezeichnete die Sportvereinigung der Nationalen Volksarmee. Dynamo-Vereine bezogen ihre Mittel von Stasi und Polizei; Dynamo Dresden besaß den juristischen Status eines Volkspolizei-Kreisamtes. Nun musste man sich wandeln zu Vereinigungen bürgerlichen Rechts – und im deindustrialisierten Osten Sponsoren finden. Hunderte Spieler entliefen gen Westen, dem Gelde nach.

Ein anderer Wandel befremdete die Fans. Die DDR-Oberliga war die konservativste der Welt. Wechsel gab es kaum. Eifersüchtig beschirmten die Partei-Bezirkssekretäre den einheimischen Klub und dessen Personal. Es sei denn, ein politisch Stärkerer, etwa Stasi-Chef Mielke, rekrutierte einen Kicker für seinen BFC. Vereinstreue war normal. Jürgen Croy gehörte zeitlebens den Zwickauer Fans, Dixie Dörner den Dresdnern, Peter Ducke den Jenensern. Der 1. FC Magdeburg hatte 1974 den Europapokal gegen AC Mailand mit einer Bezirksauswahl gewonnen. Jetzt, nach dem Umbruch, schlurften mäßig motivierte und belohnte Söldner durch die Stadien des Ostens. Die beleidigten Altfans erlitten Pleiten gegen westdeutsche Provinzvereine und brüllten ohnmächtig: IN EUROPA KENNT EUCH KEINE SAU! Mangels neuer Lokalhelden erkannten sie sich selbst als Herz und Seele ihres Klubs.

Das immergrüne Paradies der Ostalgie

Sozialarbeiterliche Fanprojekte mussten sich erst etablieren. Mancherorts gelang das gut, anderswo tanzten die Mäuse auf dem Tisch. Oder die Ratten, wenn die rechte Szene einzudringen suchte. Die anarchischen Ultras sind eher links. Sie bekämpfen den "modernen" Fußball: das Konsumprodukt der Hochfinanz. Ostfußball soll jenes volkseigene Geheimnis des Spiels bewahren, das an den Börsen und auf dem Medienmarkt verraten wird. Und er soll nach Gras, Heimatschweiß und Bratwurst riechen.

Einst maulte Franz Beckenbauer, er müsse beim FC Bayern mit "Bratwürstln wie Dürnberger und Rummenigge" zusammenspielen. Dies ist der einzige dokumentierte Fall, wo Bratwürste Tore schossen. Gemeinhin tut das jenes Geld, das den Ostklubs fehlt, auch mangels Fernseheinnahmen. Dennoch lässt sich schwer begreifen, warum die Boomtown Jena keinen brummsoliden Zweitligisten etabliert, weshalb Hansa Rostock mit der Vierten Liga flirtet und wieso der 1. FC Magdeburg zwar Bayern München aus dem DFB-Pokal schmeißen, doch noch nie wenigstens ins Unterhaus der Bundesliga eindringen konnte.

Nun aber! Aus allen östlichen Richtungen klingt Jubel über die neue Dritte Liga. Acht Ost-Vereine! Unsere Fußballgeschichte! Die DDR-Derbys leben auf! – Das klingt, als gäbe es neuerlich Duelle zwischen Aues Flocke Weißflog und Rostocks Juri Schlünz, als fällte Magdeburgs Keule Mewes endlich wieder Erfurts Kimme Heun. Jürgen Bähringer aus Karl-Chemnitz-Stadt entrostet seinen 40-Meter-Hammer, und Ulf Kirsten trifft, trifft, trifft für Dynaaaaamooouu!!!

Selbiger Kirsten hat jetzt erklärt, die Dritte Liga sei die Bundesliga des Ostens. "Zwingend fehlen noch die Traditionsvereine Carl Zeiss Jena, Lok Leipzig und BFC Dynamo. Dann wären wir fast komplett." Unsere echte Oberliga braucht allerdings nicht elf, sondern vierzehn Vereine. Im Interesse der ostdeutschen Einheit sollten die West-Drittligsten Mainz II, Werder Bremen II und VfB Stuttgart II, diese platzraubenden Reservetruppen, bitte desertieren. Nachrücken könnten Sachsenring Zwickau, Stahl Riesa und Chemie Böhlen (mit Klaus Havenstein!). Möge selbst der aufstiegsgeile Zweitligist Union Berlin irgendwann begreifen, wohin die Heimatglocke ruft: abwärts, in das immergrüne Paradies der Ostalgie.